Was denken die anderen von mir?

Bewertung und Überanpassung: Ja zu den Anderen, Nein zu mir selbst

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

Du bist brav angepasst, willst es allen recht machen, fragst dich, was die Anderen über dich denken?

Diese Überanpassung belastet dich vielleicht. Vom Kopf her merkst du auch, dass sie eigentlich Unsinn ist. Die Vernunft sagt dir, dass es total egal ist, ob die Nachbarin dein Outfit mag oder Tante Steffi deinen Umgang mit deinem Sohn befürwortet? Vielleicht passt du sogar deine Meinung an? Traust dich nicht zu sagen, was du denkst? Traust dich nicht, für dich selbst einzustehen? Nein zu sagen, wenn es nötig wäre?

Es ist egal, was DIE ANDEREN denken?

Und vielleicht verurteilst du dich dafür, meinst du wärest schwach, weil du es nicht schaffst, über der Meinung DER ANDEREN zu stehen?

Bestimmt hast du dich innerlich schon oft ermahnt: IST DOCH EGAL, WAS DIE ANDEREN DENKEN! Bestimmt hast du auch schon Affirmationen versucht: ICH BIN WERTVOLL, ICH DARF ICH SELBST SEIN. Oder? Hat wahrscheinlich wenig gebracht. Sozialer Ausschluss ist die größte Angst – die Vorstellung von nicht angenommen sein, löst blanken Stress im System aus.

Der Sinn des Ganzen

Ich sag dir was: Überanpassung, Sich-Verbiegen, Gefallen-Wollen – diese extremen Energiefresser hatten früher mal einen Sinn. SIE WAREN EINE KLUGE STRATEGIE ZU BEGINN DEINES LEBENS, als du bewertet wurdest. Als Bestrafung und Belohnung von Gehorsam abhingen.

In Wirklichkeit willst du heute gar nicht diesen ANDEREN gefallen. Sondern noch immer wollen deine inneren Anteile den internalisierten Eltern gefallen. Der inneren Mama und dem inneren Papa, denen willst du gefallen. An sie passt du dich an. Warum? Du willst geliebt werden. Du bist von Mama und Papa, von ihrer Liebe abhängig. Wenn Mama und Papa dich nicht lieben? Dann kannst du als Baby oder kleines Kind nicht leben. Also passt du dich an. Denn wenn sie dich bestrafen, wenn sie dich ignorieren, wenn sie dich wegsperren? Dann spürst du keine Liebe.

Das Dilemma früher hieß bei den meisten: entweder Anpassung oder Liebesentzug. Und genau an diesem Punkt hast du dich als Überlebensstrategie unbewusst für Anpassung entschieden. Das war eine gesunde Antwort auf eine toxische Lebensumgebung. Es hat zu Entfremdung von dir selbst geführt und dich extrem viel Stress gekostet. Kostet es bis heute.

Die toxische Rolle von Bewertung

Ich war neulich bei einer Kollegin in einer Selbstbegegnung nach IoPT dabei. Meine Stellvertreterrolle war das ICH, in diesem Falle ein innerer Kindanteil. In diesem Prozess habe ich aus Perspektive einer 8-Jährigen fühlen dürfen, wie toxisch Bewertung für ein Kind ist. Und in diesem Aufarbeitungsprozess ging es NICHT um Schulnoten oder manipulatives Lob, nein. Noch viel basaler: Es ging um das BEWERTEN VON GEFÜHLEN UND NORMALEM KINDLICHEN VERHALTEN.

Das kleine ICH fühlte zu Beginn existenzielle Scham, Lähmung, latente Traurigkeit und lenkte sich mit stupiden Bewegungen und Schlafen ab. Im Laufe des Aufarbeitungsprozesses wurde es aber immer freier und entdeckte emotionale Unabhängigkeit, den Zugang zum eigenen Willen und den unbändigen Spieltrieb.

Was ich in der Rolle des ICH gefühlt habe, war überwältigend genial: den gravierenden Unterschied zwischen bewerteten Gefühlen und wertfreiem Fühlen!

Hä?

Pass auf:

Die Mutter der Klientin war so eine richtige Dramaqueen. Gesunde Gefühle gab es in ihr nicht. Es gab nur entweder emotionalen Totalabfall oder aber ausuferndes Drama. Sie bewertete ihre Tochter hinsichtlich der gesellschaftlichen Etikette in allem, was sie tat: Vollkommen natürliche kindliche Triebe, wie Bocken, Kreischen, Hüpfen, Singen, Lautsein, Kritzeln, Lümmeln und Weinen bewertete sie. Und zwar meist negativ, weil… „Das gehört sich schließlich so gar nicht! Sei gefälligst eine vorbildliche Erwachsene im Miniformat!“

Zu Beginn fühlte ich mich in der Rolle des Anteils beschämt, hätte mich am liebsten aufgelöst, fühlte mich ausgeschlossen und fragte mich ständig, ob es richtig oder falsch ist, wie ich denke, spreche, mich verhalte. Und zwar einzig durch die ständige Bewegung der Mutter. Die spürte ich sogar deutlich, wenn sie sie gar nicht aussprach.

Im Laufe des Prozesses, als das ICH stärker und gesünder wurde, fühlte ich etwas vollkommen Neues: nämlich, dass herzzerreißender Schmerz, Trotz, Rebellion, Freude, Lust und all meine Gedanken weder gut noch schlecht waren, sondern sie waren eben einfach da. Und es machte mich in dem Moment unglaublich glücklich zu spüren, dass, egal, was die Mama oder die anderen denken, diese Bewertung absolut bescheuert ist. Denn man kann Wut nicht bewerten. Wut IST. PUNKT. Man kann Tränen nicht bewerten! Man kann Hüpfen, Springen, Zappeln, Lachen nicht bewerten! Kinder SIND. Kinder MACHEN.

All das ist weder gut noch schlecht.

Keine emotionale Verbindung

Die Mutter der Klientin aber hatte null echte Verbindung zu sich und ihrer Tochter, sie war ständig im Außen. „Was sich gehört und was nicht.“ Und davon abhängig hat sie ihre Tochter, deren Gefühle und ihr Spiel DAUERND bewertet.

Der Klientin wurde klar, warum sie schon ihr Leben lang Probleme mit „negativen“ oder großen Gefühlen hatte und in die Lähmung gerutscht war: Bisher gab es bei ihr keine reinen, gesunden Gefühle. Sie kamen immer mit dem Dramapaket der Mutter – mit negativer Bewertung, mit Scham, mit Angst vor Ablehnung und dem existenziell bedrohlichen Gefühl von FALSCH-SEIN.

Eine üble Belastung:

  • Ich kann nicht wütend sein, ohne mich schuldig zu fühlen.
  • Ich kann nicht die Wahrheit aussprechen, ohne an meinem Wert zu zweifeln.
  • Ich kann nicht traurig sein, ohne gleichzeitig Scham darüber zu fühlen, dass ich falsch bin.

Hier meine Pointe:

Ein Kind, das weint, brüllt, wütet, spielt, tobt, lacht, frech ist, rebelliert und seinen eigenen Kopf hat. Das ist ein Kind. Es ist.

weltfremd.net

Sonst nichts. Und es tut ihm nicht weh – es kann das alles halten und durchleben, wenn es darin nicht bewertet wird. Traurig sein? Das überfordert nicht. Wüten? Das wird man wohl mal dürfen, wenn der Keks zerbricht! Toben? Das ist weder gut noch schlecht. Bild malen? Weder schön noch hässlich. Es macht einfach Spaß, kreativ zu sein.

Und was ist unser Anteil? Wo machen wir ein Dramafass auf, nur weil wir bewerten?

Das darf sich jeder ehrlich bei sich selbst anschauen.

Wie kommst du da raus?

Sicher nicht, indem du dir Affirmationen vorflötest, die dein Denken umformen sollen. Gefühle ändern wir nicht durch Denken.

Ein erster Schritt kann sein: Anerkennen und fühlen, wie schwer dieses Dilemma für dich als kleines Kind war. Als Kind, das eigentlich nach Autonomie strebt, Eigensinn entdecken will und JA zu sich sagen möchte, plötzlich brav sein zu müssen. Mit dem JA zu Mama/Papa muss es oft NEIN zu sich selbst sagen. Mitgefühl mit dir selbst und deinem inneren Kind bringt dich in Kontakt mit dir selbst und kann dich unabhängiger im Hier und Jetzt machen.

Wie schützen wir unsere Kinder vor diesem Dilemma?

Indem wir ihnen bedingungslose Liebe schenken. Indem wir sie annehmen, sie in all ihren Gefühlen und ihrer Individualität sehen und akzeptieren. Und zwar nicht nur vom Kopf her – sondern von ganz tief drinnen.

Herzensgrüße

Anne

PS: Hast du Schwierigkeiten, mit dir selbst und deinem Kind auf ehrlich authentische Weise in Kontakt zu kommen? Eine Selbstbegegnung nach IoPt kann ein wertvoller Schritt dahin sein.

Weiterlesen? Wie wär’s damit:

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Anpassung, Entwicklungstrauma, Identität, Identitätsorientierte Psychotraumatherapie, Persönliche Weiterentwicklung, Überanpassung, zwanghafte Anpassung

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Ich bin Anne, leidenschaftliche Schreiberin und immerfort lernende Mutter zweier Kinder. Süchtig nach anspruchsvollen Büchern und mit einer Schwäche für ausgezeichneten Schwarztee. Auf meinem Blog WELTFREMD setze ich mich seit 2019 für friedvoll-authentische Elternschaft ein und kläre über Entwicklungstrauma auf. ♥

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