Teil I: Bedingungslose Liebe zeigen ohne Strafen und Belohnen

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

Dein fünfjähriger Sohn wollte heute Morgen die Erdbeeren nicht mit seiner Schwester teilen. Stattdessen hatte er sie schon vor dem Frühstück alleine aufgefuttert. Das geht so nicht! Er muss lernen, dass Teilen wichtig ist. Als natürliche Konsequenz für sein Verhalten, bekommt er nun nach dem Essen keinen Fruchtjoghurt. Fürs nächste Mal wird er sich das merken.

Dein Erziehungsziel hast du immer klar vor Augen: Dein Kind soll ein selbstbewusster, glücklicher Erwachsener werden, der moralisch handelt, mitfühlend ist, Erfolg hat, gesunde Beziehungen zu anderen Menschen pflegt. Du gibst jeden Tag alles dafür!

Aus bedingungsloser Liebe zu ihm.

Denn eins ist dir vom Gefühl her klar: Die braucht dein Kind. Mehr als alles andere.

Und da gibt dir die aktuelle Forschung einstimmig Recht: Um zu starken, gesunden und vernünftigen Erwachsenen zu reifen, brauchen Kinder bedingungslose Liebe wie die Luft zum Atmen.

Easy. Denkst du jetzt. Ich liebe mein Kind bedingungslos. Egal, was es für Blödsinn verzapft, es kann sich meiner Liebe sicher sein.

Ja, das denken wir alle.

Jetzt kommt aber etwas Blödes: Dein Kind sieht das nicht wie du.

Bäm.

Bitte was? Das stimmt doch nicht!

Ganz der Reihe nach.

Lies bitte nur weiter, wenn du mutig genug bist, dich mit deinen eigenen Glaubenssätzen zum Thema Elternliebe und Erziehung kritisch auseinanderzusetzen.

Spoiler: Dieser Text könnte dein Weltbild zerstören.

So wie es das Buch Liebe und Eigenständigkeit* von Alfie Kohn mit den Vorstellungen vieler liebevoller Eltern in den USA und auf der ganzen Welt getan hat.

Bereit? Dann kommt hier die Glaubenssatz-Abrissbirne. In diesem Artikel erfährst du:

  • Warum Kinder unbedingt bedingungslose Liebe von ihren Eltern brauchen
  • Warum du dein Kind aktuell eben nicht bedingungslos liebst
  • Den ultimativen Schlüssel dazu, wie du deinem Kind bedingungslose Liebe zeigen kannst

Auf geht’s.

Warum Kinder bedingungslose Liebe wie die Luft zum Atmen brauchen

Damit dein Kind zu einem starken Menschen heranwächst, braucht es vor allem eins: Ein grundsätzlich positives Selbstkonzept. Das heißt nicht, eingebildet, rücksichtslos und selbstverliebt zu werden.

(Lies mehr zum Thema Narzissmus durch fehlende Mütterlichkeit hier: Hör auf, eine gute Mutter sein zu wollen!)

Ein stabiles Selbstwertgefühl meint ein differenziertes Bild von sich selbst – ein Bewusstsein über Stärken und Schwächen und ein Sich-selbst-annehmen in grundsätzlich bejahender Form.

Ein Mensch mit gutem Selbstwertgefühl nimmt alle seine Gefühle an und macht seinen Wert nicht von Leistungen, wie Schönheit, Karriere oder Schulnoten abhängig. Kurz gesagt: Er liebt sich selbst so, wie er ist.

Das ist, was du deinem Kind wünschst. Deshalb motivierst du es, bringst ihm anständige Manieren bei und lobst es, wenn es Fortschritte gemacht hast und sagst ihm häufig, dass du es liebst.

Tut mir leid. Aber da liegen ein paar Fallstricke begraben. Du tust versehentlich Dinge, die genau das Gegenteil von dem erreichen, was du willst.

Ein altes Erziehungskonzept

Aus dem Bereich des Behaviorismus (Verhaltensforschung) kommt eine wahnwitzige Idee: Wir betrachten den Menschen nicht als Individuum, das aus subjektiven Beweggründen und spezifischen Motiven heraus handelt. Sondern wir betrachten nur das Verhalten des Menschen und konditionieren ihn wie einen Hund mit Zuckerbrot und Peitsche dazu, sich nach unseren Wünschen zu verhalten.

Der Vorreiter dieser Idee war der US-amerikanische Psychologe B. F. Skinner. Angewandt auf Kinder bedeutet diese Logik: Wir sehen kein Kind. Wir sehen das Verhalten eines Kindes. Wir beobachten dieses Verhalten und verstärken es, wenn es – nach unserer Meinung – positiv war. Und wir unterdrücken es mit Strafen, wenn es uns missfallen hat.

Theoretisch folgen dem: Gehorsam, gute Manieren, Hilfsbereitschaft, Fleiß und sonst was für Tugenden.

Und praktisch? Schauen wir uns das Konzept von Bestrafung (und Belohnung) genauer an.

Bestrafung

Eine Strafe setzt du ein, damit sich dein Kind schlecht fühlt oder ihm ein gutes Gefühl verweigert wird – als Reaktion auf unerwünschtes Verhalten. Die Skinner’sche Idee dahinter lautet: Das Kind wird in Zukunft dieses Verhalten unterlassen.

Zu Strafen gehören Schläge, Isolieren (die sogenannte „Auszeit“), Ignorieren, Schimpfen, Liebesentzug, Drohen und vieles andere, was neuerdings als „Konsequenzen“ schöngeredet wird. Aber auch „Strafen light“ bleiben Bestrafung, wie: „Dann rede ich jetzt auch nicht mehr mit dir.“/ „Dann musst du eben jetzt alleine laufen.“/ „So nehm ich dich nicht mit!“

Selbst wenn du dein Kind zynisch vorwarnst: „Denk bitte daran, dass ich dir X wegnehme, wenn du Y machst“, beruhigst du damit höchstens dein eigenes Gewissen. (Ganz davon abgesehen, dass du Misstrauen zeigst: „Ich vertraue nicht darauf, dass du das Richtige tust, wenn ich dich nicht mit Angst vor Bestrafung steuere.“)

Skinner nahm also an, dass sich ein Kind sich umso besser verhält, je schlechter es sich fühlt? Ob das so funktioniert, dazu später mehr.

Eins jedoch vorweg:

Die subjektive Sicht eines Kindes unter Strafe ist immer: Meine Eltern haben mich gerade nicht lieb.

Das heißt, dass jede Strafe letztlich einen Entzug von Liebe darstellt.

Kurzfristig führt Liebesentzug zu Gehorsam. Allerdings ist er in direkter Form („Sonst habe ich dich gar nicht lieb.“) besonders grausam, da ein Kind länger unter emotionalen Stress setzt als eine Prügelstrafe.

Die nachhaltige Konsequenz von Strafen ist also nicht Gehorsam, sondern schlicht: Angst. Und zwar Angst vor Strafe.

Strafen schädigen eure Beziehung, das Selbstwertgefühl deines Kindes und erzeugen und verstärken Aggression und Fehlverhalten.

Noch größer sind die Auswirkungen, die zeitverzögert auftreten: Je häufiger du dein Kleinkind strafst, ihm deine Liebe (unbewusst) entziehst, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem aufmüpfigen, schwierigen Teenager heranwächst. Und dann? Noch mehr Strafen? Noch mehr Kontrolle?

Warum Strafen versagen

  • Strafen machen dein Kind wütend: Wer sich als Opfer fühlt, wird später eher selbst zum Täter. Es wird noch ungehorsamer, aggressiver und „frecher“ werden.
  • Strafen sind ein Vorbild für Machtmissbrauch: Sie lehren dein Kind, dass Macht vor Recht geht und seine Motive und Beweggründe dir egal sind.
  • Strafen verlieren langfristig ihre Wirksamkeit: Je älter dein Kind wird, umso kleiner wird deine Macht werden. Je mehr du strafst, umso kleiner wird der echte Einfluss auf dein Kind.
  • Strafen schaden der Eltern-Kind-Beziehung erheblich: Dein Kind nimmt auf: Meine Eltern geben sich manchmal richtig Mühe, mir den Spaß zu verderben, mir wehzutun, wollen, dass ich mich wertlos fühle – ich kann ihnen nie ganz vertrauen. Ich nehme deshalb innerlich lieber Abstand von ihnen.
  • Strafen hat unbeabsichtigte Effekte: Die absurde Annahme, Kinder verhielten sich besser, wenn wir dafür sorgen, dass sie sich schlecht fühlen, ist Blödsinn. Ein Kind, über das eine „Auszeit“ verhängt wird, denkt nicht: „Okay, vielleicht war es gemein von mir, meinem Bruder die Schokolade zu klauen und ihn zu schlagen.“ Es denkt eher darüber nach, wie ungerecht es die Situation empfindet und mit welchen Tricks (lügen, vertuschen, verheimlichen …) es sie nächstes Mal vermeiden kann.
  • Strafen fördern rücksichtsloses Eigeninteresse: Die moralische Entwicklung wird durch Strafen erheblich eingeschränkt. Wenn du deinem Kind den Nachtisch versagst, weil es seine Cousine geschlagen hat, wird es beim nächsten Mal darüber nachdenken, wie es für sich selbst diese Strafe vermeiden kann (Kosten-Nutzen-Analyse). Es denkt nicht darüber nach, dass es seinem Gegenüber wohl weh tut, wenn es geschlagen wird (Empathie und Moral).

Das heißt, mit Strafen formen wir zunächst „freche“ Kinder, dann rebellische Teenager und zuletzt unmoralische, ich-bezogene Erwachsene.

War das ursprünglich dein Erziehungsziel?

Belohnung

So. Dir dämmert langsam, dass Bestrafen möglicherweise gar nicht so harmlos ist, wie du immer dachtest.

Was ist aber mit der anderen Seite der verhaltenspädagogischen Keule – mit Belohnung? Jetzt kann tatsächlich dein bisheriges Erziehungsweltbild ins Wanken kommen: Sie ist nur die Kehrseite des Liebesentzugs. Ergo: genauso kontraproduktiv.

Positive Verstärkung soll das „gute“ Verhalten belohnen, um es zu fördern.

Die Idee ist nett.

Nein, ist sie nicht.

Sie ist völliger Blödsinn. Willst du wissen warum?

Die Studienlage dazu ist eindeutig: Belohnungen senken die Motivation, mindern die Leistung und vermiesen die Arbeitsqualität (auch bei Erwachsenen). Bei Kohn sind alle Studien gebündelt nachzulesen.

Woran liegt das? Es gibt zwei Arten von Motivation: Eine, die aus unserer eigenen Begeisterung entsteht. Die uns Feuer unterm Hintern macht. Die uns in den tollsten Flow versetzt – die intrinsische Motivation. Sie kommt von innen. Aus ihr heraus entwickelt sich dein Kind. Es will laufen lernen, es will sprechen, singen und hüpfen können, es will musizieren, Fußball spielen, tanzen, puzzeln. Weil es ihm Spaß macht. Weil es Begeisterung empfindet. (Vgl. Gerald Hüther: Jedes Kind ist hochbegabt*.)

Extrinsische Motivation ist das Gegenteil: Sie kommt von außen und setzt ein, wenn man mehr Geld im Job erhält, wenn man Gummibärchen oder Geschenke als Belohnung bekommt. Die extrinsische Motivation ist der intrinsischen kilometerweit unterlegen. Sie funktioniert nur kurz und wird schnell unwirksam.

Je mehr jemand dafür belohnt wird, etwas zu tun, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er das Interesse an dem, was er tun musste, um die Belohnung zu bekommen, verliert.

Kohn, S. 44.*

Badumm. Belohnung erreicht also – wie Bestrafen – das Gegenteil dessen, was du wolltest.

Belohnung gehört zum gleichen Konzept wie Strafen. Auch wenn du nicht strafst, sondern nur belohnst, ist dein Erziehungskonzept ein an Bedingungen geknüpftes. Und damit ist die Liebe, die bei deinem Kind ankommt nicht bedingungslos. Genau das braucht dein Kind aber. Dringend. ♥

Was ist schlecht an Lob?

Auch Lob ist in den meisten Fällen eine Belohnung. In diesem Satz – du ahnst es schon – steckt die wirklich schlechte Nachricht dieses Artikels: Auch Lob ist positive Verstärkung. Auch für Lob gilt dieselbe Devise: Es funktioniert nicht. Es erreicht das Gegenteil von dem, was du erreichen willst. Es zerstört Selbstwertgefühl, behindert moralische Reife, es erzeugt Druck. Es ist Teil eines an Bedingungen geknüpften Erziehungsstil.

Aua, aua, aua.

Ist das denn wahr?

Zunächst einmal kann die Bemerkung „Gut gemacht!“ beeinträchtigen, wie gut etwas tatsächlich gemacht wird. Forscher stellen immer wieder fest, dass Menschen, die dafür gelobt werden, eine kreative Aufgabe gut bewältigt zu haben, oft bei der nächsten Aufgabe ins Straucheln geraten. Warum? Erstens, weil das Lob Druck erzeugt, „weiter so“ zu machen und dieser Druck wirkt als Hemmnis. Zweitens, weil das Interesse der Menschen nun gesunken ist (weil es jetzt vor allem darum geht, mehr Lob zu bekommen). Und drittens, weil sie lieber kein Risiko eingehen, wenn sie dafür sorgen möchten, weiterhin gelobt zu werden.

Kohn, S. 45.*

Ein Beispiel: Kinder, die für Teilen und Großzügigkeit gelobt wurden – sind anschließend weniger großzügig und teilen weniger.

Das sitzt.

Das Problem ist also nicht nur, dass positive Verstärkung wie Loben und Belohnen einfach zwecklos sind, weil sie auf lange Sicht nicht funktionieren. Beim Kind kommt an: Ich liebe dich, wenn du gehorchst und tust, was ich will. Ich liebe dich aber nicht, wenn du ungehorsam bist oder mir keinen Grund zum Loben verschaffst.

Das ist sehr traurig und überdies schädlich für dein Kind.

Beziehung statt Erziehung
Wie erziehe ich mein Kind ohne Strafen und Belohnen?
Wie fühlt sich mein Kind bedingungslos geliebt?
Erziehen ohne Strafen und Belohnen – Beziehung schaffen, Bindung stärken

Scharfe Urteile statt achtsamer Beschreibungen

„Gut gemacht!“, „Fein!“, „Toll!“ sind keine Beschreibungen. Sie sind Urteile. Du beurteilst mit Loben dein Kind andauernd. Es ist nicht mal nötig explizit auszusprechen: „Ich habe dich nicht mehr lieb, wenn du bockig bist“/ „Ich habe dich lieb, wenn du so brav bist.“ Das tun zum Glück nur sehr wenige Eltern.

Je öfter wir „gut gemacht!“ sagen, umso schlechter wird das Selbstwertgefühl des Kindes und umso mehr Lob braucht es. […] Was Kinder wirklich brauchen, ist Liebe ohne Bedingungen. […] Manche Eltern, die in ihrer Kindheit zu wenig bedingungslose Liebe bekommen haben, diagnostizieren dieses Problem traurigerweise falsch und glauben, es habe ihnen an Lob gefehlt. Dann überschütten sie ihre Kinder mit „gut gemacht!“ und sorgen so dafür, dass wieder eine Generation nicht das bekommt, was sie wirklich braucht.

Kohn, S. 51f.*

Dein Kind fühlt sich öfters nicht geliebt

Aus der Sicht deines Kindes führen also viele Situationen dazu, dass es sich nicht geliebt und nicht angenommen fühlt.

„Ich finde toll, dass du geteilt hast!“ kommt beim Kind an als: „Ich finde dich toll, weil du geteilt hast!“ und das impliziert automatisch: „Ich finde dich nicht mehr gut, wenn du nicht teilst.“ Der letzte Schritt ist, dass dein Kind die Haltung in sich aufnimmt: „Ich bin nur dann gut, wenn ich teile.“

Insbesondere, wenn Liebe und Anerkennung nur für braves Verhalten reserviert sind, verinnerlicht das Kind schnell eine Botschaft, die du niemals absenden wolltest.

Der Psychologe Carl Rogers erklärte es so: Wenn Kinder die elterliche Liebe – nach subjektivem Empfinden! – nur für bestimmtes Verhalten bekommen, dann wertschätzen sie an sich selbst nur diese Anteile.

Negative Gefühle, wildes Benehmen, also einige ganz normale, menschliche Persönlichkeitsanteile lehnen sie an sich ab. Das Kind nimmt sich nie im Ganzen an. Es lernt nie, sich selbst zu lieben.

Das ist im Grunde ein Rezept für eine Neurose – oder schlimmer. In einer Publikation […] sind zehn Beispiele für „emotionale Misshandlung“ aufgeführt. Die Nummer zwei auf dieser Liste, gleich hinter „ständiger Kritik, Sarkasmus, Feindseligkeit und Beschuldigung“, lautet „an Bedingungen geknüpfte Erziehung, bei der das Maß an Zuneigung, das einem Kind gegenüber ausgedrückt wird, von seinem Verhalten oder seinen Handlungen abhängig gemacht wird.“

Kohn, S. 29.*

Ja, richtig gelesen. Das an Bedingungen geknüpfte Erziehungsschema – mit all seinen Instrumenten wie Belohnung, Lob, Bestrafung, Tadel – ist seelische Gewalt. Und emotionale Gewalt hat die gleichen Auswirkungen wie körperliche.

Auch wenn du selbst meinst: Ich liebe mein Kind immer. Ich nehme es immer an. Ich nehme alle seine Gefühle an.

Darauf kommt es weniger an.

Welche Gefühle wir gegenüber unseren Kindern empfinden, ist nicht so wichtig wie die Frage, wie sie diese Gefühle erleben und wie sie unsere Art, mit ihnen umzugehen, ansehen.

Kohn, S. 29.

Wenn dein Kind sich nur wertvoll für dich fühlt, wenn es eine bestimmte Leistung erbringt (aufs Töpfchen gehen, beim Essen sauber bleiben, gute Schulnoten, Sieg beim Fußball …), dann wird es sich nachgewiesener Maßen auch als Erwachsener weniger wertvoll fühlen. Teenager mögen sich selbst nicht mehr, wenn sie das Gefühl haben, die elterliche Anerkennung nur durch bestimmte Bedingungen zu ernten. Sie konstruieren ein falsches Bild von sich selbst, kämpfen mit Komplexen, bekommen Depressionen.

Wie du deinem Kind Liebe zeigen kannst, sodass es sich bedingungslos geliebt fühlt

Liebevollen Gefühle müssen auch in liebevolle Handlungen übersetzt werden. Wie also kann das gelingen? Wie kannst du deinem Kind zeigen, dass du es bedingungslos liebst? (Denn ich weiß: Das tust du! ♥)

Sich selbst reflektieren

Zu reflektieren, warum du bisher suboptimal gehandelt hast und zu verstehen, woher dein Handeln kommt, ist der wirksamste Schritt. Wenn du dein Denken änderst, ändern sich dein Handeln, deine Kommunikation, deine Wirkung automatisch.

Wir neigen im Allgemeinen dazu, den Erziehungsstil zu übernehmen, der auch uns widerfahren ist. Das traditionelle Erziehungsmodell unserer westlichen Kultur ist ein an Bedingungen geknüpftes. Hier liegt auch schon der Knackpunkt: Es ist nur ein Modell von vielen. Du kannst wählen, welches du anwenden willst. Aber um die Wahl zu haben, musst du deine eigene Erziehung kritisch hinterfragen.

Wer bin ich? Warum bin ich so geworden? Wie gingen meine Eltern mit mir um? Wie will ich mit meinem Kind umgehen?

Her mit dem Rezept für glückliche Kinder!

Sorry, aber es gibt keine Step-by-step-Anleitung dafür, wie man glückliche Kinder aufzieht. Wer das Gegenteil behauptet, ist größenwahnsinnig.

Erstens müsste dein Gegenüber – in diesem Fall hier ich – die perfekte Mutter sein, die ich nicht bin.

Zweitens wäre es absolut respektlos gegenüber dir und deiner individuellen Familie zu behaupten, ein standardisiertes Patentrezept könne für jede Familie und für die drölfzig Milliarden alltäglichen Herausforderungen mit Kindern als perfekte Formel funktionieren.

Wenn ich von Selbstreflexion und kinderfreundlichen Grundsätzen spreche, dann ist das eine bestimmte Haltung, ein bestimmtes Nachdenken über Kinder und Menschen im Allgemeinen. Kein Standardrezept, keine Formel.

All das ist aus der aktuellen wissenschaftlichen Forschung abgeleitet und zusammen mit den Meinungen und Beobachtungen kritischer Autoren und mir selbst zu einem Ideenangebot synthetisiert.

Schau, was dir vernünftig erscheint und geh mit deiner Familie deinen persönlichen Weg:

Liebe zeigen

Hier zwei Grundsätze, mit denen du es schaffen kannst, dass dein Kind sich bedingungslos geliebt fühlt:

  • Stell dir eine neue Hauptfrage: Statt „Wie kriege ich mein Kind dazu zu gehorchen?“ frage dich öfter: „Was hat mein Kind für Bedürfnisse und wie kann ich sie stillen?“
  • Nimm dein Kind immer ernst: Behandle es als einen Menschen auf Augenhöhe, dessen Gefühle, Ideen, Fragen und Motivationen real und wichtig sind.

Im Einzelnen haben diese Grundsätze folgende Konsequenzen (vgl. Kohn*, S. 140ff.):

  1. Bleib selbstkritisch, ohne dich selbst zu zerfleischen: Vielleicht geht es dir wie mir – ich frage mich oft: Wie kriege ich meine Kinder dazu, sich zügig anzuziehen, ohne Mittel einzusetzen (z.B. Drohen), die mir widerstreben? Die ehrliche Antwort: Dafür gibt es keine einfache Lösung. Die Lösung im Sinne bedingungsloser Elternliebe lautet einfach: Rede es nicht schön, bleibe selbstkritisch, behaupte nicht, irgendwelche fiesen Methoden seien im Interesse deiner Kinder. Das sind sie nicht.
  2. Hinterfrage kritisch deine Forderungen: Vielleicht liegt das Problem nicht darin, dass dein Kind „nicht funktioniert“, sondern in deiner Anforderung? Viele Erziehungsratgeber fragen, wie man Kinder zu etwas bewegen soll. Aber ist es überhaupt richtig, dass man sie dazu bewegen will? Kinder sind keine kleinen Erwachsenen! Ist deine Forderung altersentsprechend? Ist deine Forderung nötig? Z.B. der Klavierunterricht oder ein bestimmtes Outfit? Die Erwartungen an unsere Kinder sollten menschenfreundlich, realistisch und altersentsprechend sein. Es ist ganz normal, dass sie unruhig oder laut sind, dass sie vergessen, ein batteriebetriebenes Auto auszuschalten, und dass in unseren Augen winzige Veränderungen der Umwelt sie verunsichern. Wir müssen unsere Erwartungen darauf abstimmen, wozu sie in der Lage sind. Kohn, S. 151. *
  3. Ruf dir deine langfristigen Erziehungsziele ins Bewusstsein: Willst du einen selbstbewussten, glücklichen, verantwortungsbewussten, moralisch handelnden Menschen großziehen – dann sei dir im Klaren, dass alle Arten von Strafen diesen Zielen im Wege stehen. Ob Ihr Kind heute den Kakao verschüttet, die Beherrschung verliert oder vergisst, die Hausaufgaben zu machen, ist nicht halb so wichtig wie das, was Sie tun, was Ihrem Kind entweder dabei hilft oder ihm eben nicht hilft, ein anständiger, verantwortungsbewusster, mitfühlender Mensch zu werden. Kohn, S. 143. *
  4. Eure Beziehung geht vor: Was ist es wert, die Beziehung zu deinem Kind zu beschädigen? Nichts! Nicht durchschlafen lernen, nicht trocken werden, nicht die 1 in Mathe, nicht die Akkordeonaufführung, nicht die guten Manieren. Im Zweifelsfall sollte immer die Beziehung Vorrang haben. Eine gute Beziehung macht es leichter, Probleme zu lösen. Eine gute Beziehung schafft Vertrauen. Sie verhindert viele Konflikte schon am Entstehen. Sie macht dein Familienleben besser und schöner in jedweder Hinsicht. ♥
  5. Ändere deine Haltung, nicht nur dein Verhalten: Entscheide dich – willst du dein Kind als Objekt betrachten, das du formst, kontrollierst, als Schmuckstück benutzt? Oder willst du mit deinem Kind zusammenarbeiten, um Lösungen zu finden?
  6. Zeig Respekt: Alle Menschen verdienen Respekt. Auch dein Kind. Ängste zu bagatellisieren, Wut als Nichtigkeit abzutun, das Kind ignorieren, sich abfällig oder sarkastisch zu äußern – das ist respektlos. Kinder wissen, wann und ob sie Hunger haben, ob ihnen kalt ist, ob sie noch das Stillen brauchen, ob sie eine Person mögen oder nicht. Respektiere das, wenn du auch nicht immer die Umstände danach anpassen kannst.
  7. Bleib authentisch: Spiel keine Rolle. Sei ein echter Mensch. Dein Kind soll das wissen! Es soll wissen, dass du manchmal unsicher bist, Hunger hast, mit Nervosität kämpfst, abgelenkt bist. Gib nicht vor, du wärst unfehlbar. Wage es, dich bei deinem Kind zu entschuldigen, wenn es nötig ist: Damit bist du ein tolles Vorbild und hebst dich von Superheldensockel. Du zeigst, dass Fehler machen okay und Fehler zuzugeben das Richtige ist. Je aufrichtiger du deinem Kind gegenüber bist, umso mehr echten Respekt wird es dir entgegenbringen.
  8. Hör auf zu predigen und interessiere dich stattdessen mehr für dein Kind: Setz dir als oberstes Ziel, bei Problem die Ursache herauszufinden. Dein Kind ist noch zu klein, um seine Beweggründe zu erklären? Hilf ihm, biete Formulierungen an. Einem Dreijährigen zu befehlen, es solle nicht ständig klammern, ist zwecklos. Herauszufinden, was seine Verlustängste verursacht und darauf empathisch zu reagieren, ist eine bessere Möglichkeit. Ist dein Kind schon älter, ist die spannende Frage, ob es sich sicher genug fühlt, seine Beweggründe, Gefühle und Motive mit dir zu teilen. Menschen, die Urteile und Bewertungen fürchten (Stichwort Lob und Tadel), sprechen in der Regel nicht besonders offen. Weniger auf die Leute einzureden, stattdessen mehr echtes Interesse am Gegenüber zu zeigen, ist nicht nur förderlich für die Beziehung zu deinem Kind, sondern auch in Bezug auf Partner, Freunde, Schüler, Mitarbeiter etc. Gerade bei Teenagern fühlen wir uns viel zu oft verpflichtet, etwas zu sagen. Manchmal ist Schweigen und einfach Dasein (oder Umarmen) der beste Weg.
  9. Sag nicht unnötig nein: Viele Neins haben ihre Berechtigung und müssen – ohne schlechtes Gewissen – sein. Die allermeisten aber sind sinnlos, erzeugen Druck, schaffen Streit und Ärger. Probier dich mal in einer Nein-Diät und schau, was passiert. Du wirst staunen, wie positiv sich das auf euer Familienklima auswirkt.
  10. Sei weniger konsequent: Alles, was dein Kind tut, steht in einem größeren Zusammenhang. Berücksichtige, dass es auch mal einen schlechten Tag hat. Zieh auch in Erwägung, dass heute vielleicht deine Nerven mal nicht so strapazierfähig sind wie sonst. Betrachte die Dinge im Kontext. Konzentriere dich lieber auf die Lösung eines Problems als auf die zwanghaft konsequente Durchführung von Strafe.
  11. Reduziere Hektik und Stress: Stress überträgt sich ruckzuck auf die ganze Familie. Termindruck fördert Konflikte. Anspannung macht kampfeslustig. Umgehe das, sooft du kannst. Hier kannst du mehr darüber lesen: Artgerecht und ohne Stress in Familie. Der Versuch, ein kleines Kind zur Eile anzutreiben, ist ein aussichtsloses Unterfangen. Daher ist es oft sinnvoll, jetzt ein bisschen Zeit aufzuwenden, um später mehr Zeit zu sparen. [Außerdem gilt im Zweifel:] Ein verschlossenes Tor, das ein Kleinkind in Ihrem Garten hält, ist viel vernünftiger als der Versuch, das Kind durch Angst oder Überredung davon abzuhalten, auf die Straße zu spazieren. Tun Sie im Allgemeinen, was Sie können, um Probleme abzuwenden. Kohn, S. 161.* Kurz: Schaffe dir und deinem Kind eine entspannte Ja-Umgebung und verzichte auf alles, was unnötig (Zeit-)Druck und Stress verursacht.

Das sind Grundsätze einer Erziehung, die Liebe nicht an Bedingungen knüpft. Aber wie geht es konkret – ohne Lob? Lies mehr dazu hier:

Alternativen zum Loben – wie du deinem Kind bedingungslose Liebe zeigen kannst Teil II

Warme Grüße

Eure Anne

PS: Wenn dich diese Überlegungen genauso bewegt haben wie mich, dann teil den Artikel gerne und sorge so dafür, dass mehr Eltern erfahren, wie leicht man Kinder glücklich machen kann. URL kopieren und weiterschicken. Denn die glücklichen Kinder von heute, gestalten schon morgen eine bessere Gesellschaft. ♥

Literatur:

Fromm, Erich: Gesamtausgabe in zwölf Bänden, München 1999.

Hüther, Gerald/ Hauser, Uli: Jedes Kind ist hochbegabt, München 2012.*

Juul, Jesper: Grenzen, Nähe, Respekt. Auf dem Weg zur kompetenten Eltern-Kind-Beziehung, Reinbeck bei Hamburg 2000.*

Kohn, Alfie: Liebe und Eigenständigkeit. Die Kunst bedingungsloser Elternschaft jenseits von Belohnung und Bestrafung, Freiburg 2010.*

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

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Comments (15)

  • Danke für die Einführung und den Überblick. Ich lese das gerade als Erinnerung, denn ich habe michh damit schon vor einer Weile beschäftigt. Zurzeit gerate ich wieder an meine Grenzen, denn meine Tochter (20 Monate) ist jetzt seit fast einem Monat nicht mehr vom Zähne putzen zu überzeugen. Und auch das aufs Töpfchen gehen hatte eine etwas schwierige Vorgeschichte. Ich gestehe, dass ich im Vorfeld zu allem soooo viel gelesen hatte, dass ich dachte, ich wüsste, wie ich mein Kind verstehe und wenn ich es nur unterstütze und auf Augenhöhe mit ihr spreche, dann wird alles super klappen. Tja, am Ende hat all dieses Wissen dazu geführt, dass ich uns total unter Druck gesetzt habe und oft doch in alte Muster zurückfalle oder im schlimmsten Fall (zum Glück nur selten) noch vor dem Kind mit mir selbst hadere und total wirres Zeug rede.
    Lange Rede kurzer Sinn, all diese schlauen Ratgeber machen so einen Wahnsinnigen Druck (oh nein, jetzt hab ich mein Kind schon wieder gelobt), dass es schon aufs Gemüt schlägt. Ich wollte es mir trotzdem nochmal ins Gedächtnis rufen, weil ich merke, dass man diese uralten Muster einfach nicht loswird. Auch wenn mir schon auffällt, dass ich Lob im Sinne von „Das hast du toll gemacht“ an mir selbst nicht mehr gut ertrage, obwohl ich früher süchtig danach war. Es ist halt einfach keine echte Anerkennung .

    Ein Beispiel: Tochter durfte mit 16 Monaten ohne die ungeliebte Windel sein, aber wenn sie vom leeren Töpfchen aufgesprungen ist, um 2 Minuten später auf den Fußboden zu pullern, ist mir auch mal ein „warum sagst du nicht einfach bescheid?“ oder „dann kannst du wohl doch noch nicht ohne Windel rumlaufen“ raugerutscht , weil ich dachte, das klappt alles ganz schnell, wenn ich nur auf die Signale achte, und das Kind hat ziemlich schnell die Lust am Töpfchen verloren. Jetzt tasten wir uns wieder langsam ran und freuen uns einfach gemeinsam und ich werde zumindest nur noch beim großen Geschäft etwas nervös, wenn es irgendwo anders landet als an seinem Bestimmungsort. 😀

    Der Schlüssel ist vermutlich wirklich der Humor. Und auch sich selbst zu verzeihen.

    Liebe Grüße
    Steffi

    (Ich weiß auch nicht, warum ich das hier schreibe, aber manchmal fühlt es sich einfach auch gut an, sich was von der Seele zu schreiben.)

    • Liebe Steffi,
      danke für deinen ausführlichen Kommentar.
      Ich fühle da mit dir. Ich hänge auch oft in Situationen fest, in denen ich verzweifelt bin: Ich folge all diesen Ratgebern und trotzdem funktioniert hier nichts? Aber ich glaube, genau das ist der Fallstrick: Kinder funktionieren nun mal nicht. Sie sind keine Maschinen. Genausowenig wie wir Eltern.

      Alles immer zwanghaft beziehungsorientiert zu machen, sich an 80 verschiedene Regeln zu halten – das ist das Gegenteil von dem, was Familie braucht: Druck aus, Humor an. Das seh ich genau wie du.

      Was mir beim Thema Topf vs. Windel sehr geholfen hat, war dieser Artikel:
      https://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2015/01/toepfchentraining-und-sauberkeitserziehung-warum-wir-Kinder-beim-sauber-werden-nicht-unterstuetzen-muessen.html
      Vielleicht entspannt er dich in der Beziehung ein bisschen?

      Und zum Thema Loben: Ich denke, ein Lob dann und wann wird gar niemandem schaden. Das gilt sicher für ALLE „Erziehungsfehler“ – denn letztlich kommt es doch auf die innere Grundhaltung an, auf die Frage, wie wir reflektieren und ob wir unsere Kinder als Objekte oder Individuen ansehen.

      Wie Jesper Juul immer so schön meinte: Kinder wollen keine Schaufensterpuppen, sondern authentische Vorbilder. Und sie haben nunmal die Eltern, die sie haben. Feiern wir doch auch mal unsere Fehler – sie machen uns menschlich.

      In diesem Sinne (O Schreck, ein Lob!!) – und falls es dir heute noch niemand gesagt hat – du machst das toll! 😉
      Alles Liebe
      Anne

      • Ich beschäftige mich schon weit vor meinem Kind mit solchen Themen, aufgrund meiner Kindheit. Nun kommt mir immer wieder die Frage, seit ich selbst Mutter bin, was macht es mit dem Kind, wenn beide Elternteile unterschiedliche handeln?

        Zum besseren Verständnis, ich handhabe es schon immer Bedürfnis orientiert, entschuldige mich auch bei meiner Tochter. Natürlich bin ich auch nicht perfekt aber gebe mein bestes. Ihr Vater ist das Gegenteil. Er schreit und schimpft oft, lobt aber auch wieder jede Kleinigkeit. Wir sind getrennt lebend seit sie 4 Monate alt ist. Nun ist sie 1,5 Jahre und nachdem was ich mit ihm erlebt habe, mache ich mir große sorgen. Häusliche Gewalt, Bestrafung und Abwertung dufte auch ich täglich bei ihm erleben und daraus erwachsen, es war meine persönliche Hölle! was macht das mit so einem kleinen Wesen? Ich hoffe inständig er tut ihr niemals körperliche Gewalt an. Sie war auch mit so einem Mann nicht geplant aber da war sie nun mal in meinem Bauch und ich habe sie vom ersten Tag an, wo ich von ihr wusste, geliebt.

        • Liebe Kristin,
          die Situation für dich und deine Tochter ist ganz sicher nicht leicht. Ich sende euch beiden mein Mitgefühl.
          Dein Anliegen ist sicher zu komplex für Mailverkehr oder Kommentare. Deswegen empfehle ich dir von Herzen die Kollegen von Online-familiencoach.de
          Der liebe Martin hat eine ganze Reihe toller Beraterinnen im Team und bietet während der Corona-Zeit sogar kostenlose Zoom-Treffen als eine Art Online-Elternraum an, in dem man über Probleme mit einer erfahrenen Beraterin sprechen kann. Schau doch mal vorbei.

          Ich wünsche dir und deiner Tochter alles Liebe
          Anne

  • Hallo Anne,

    Ja, wie wahr und gleichzeitig wie schwierig… Bei mir gab es einen Umbruch als mir bewusst wurde, dass es kein Naturgesetz gibt, das besagt, dass Kinder gehorchen müssen! Wow, das nahm Druck raus.

    Meiner Tochter (5) passt diese Woche gar nichts und es ist für alle Beteiligten seeeeehr anstrengend!

    Für alle die Interesse haben es (Empathie, Anmerkung Authentizität) nicht nur aus der Eltern-Kind-Perspektive zu betrachten, habe ich noch ein paar Tipps die mir geholfen haben. Chris Voss ist ein Negotiator vom FBI, da gibt es tolle Vorträge im Internet. Und natürlich sind unsere Kinder keine Terroristen, aber was bei Terroristen funktioniert, tut es auch bei Kindern oder Partnern. Und dann finde ich Brené Brown super (auch super Vorträge im Netz), sie hat Studien zum Thema Scham und Verletzlich und Beziehung gemacht und plädiert für Authentizität und Mut/Bereitschaft Fehler zu machen.

    Liebe Grüße,
    Mayra

    PS etwas Werbung für mein Artikel weil es zum Thema passt. Anmerkung: https://selbstraum.blogspot.com/2020/06/anerkennung.html?m=1

    • Hallo Mayra,

      danke für deinen Kommentar, die Tipps und deinen Link. Schau ich bei Gelegenheit mal rein!
      Maximale Erfolge auch mit deinem Blog, und am Rande: MEINE Kinder SIND manchmal Terroristen. 😉

      Liebe Grüße
      Anne

  • Ich finde leider, dass du hier das thema Lob sehr eindimensional besprichst. Ich bin Ergotherapeutin und Mutter von zwei Kindern. Sowohl beruflich, als auch im privaten Bereich beobachte ich, dass Kinder sehr wohl durch Lob zu zufriedenen, gestärkten Personen mit einer guten Eigenwahrnehmung heranwachsen können. Und andere wissenschaftliche Strömungen, als die von dir genannten, geben mir da durchaus Recht, bspw. Die Erkenntnisse der herausragenden Britta Winter, selbst Ergotherapeutin. Lob kann z.b. Kinder dazu befähigen, ihre individuellen Stärken auszuloten. Lob ist eben nicht schwarz und weiss, es kommt immer auf das „wie“ an. Vergiss auch nicht die Kinder mit spezielleren Bedürfnissen, Kinder mit Konzentrationsdefiziten oder Behinderungen. Da hat, neben Liebe und Zuwendung, Lob eines der positivsten Effekte auf die Entwicklung. Das ist jetzt ein langer Text geworden und eigentlich kommentiere ich Artikel nicht, mir ist aber immens wichtig darzustellen, dass du hier eine nur einseitige und subjektive Sicht der Dinge beschreibst. Ja, auch die Wissenschaft ist bis zu einem gewissen Grad subjektiv. Und meine Meinung natürlich auch:)

    • Liebe Annika,
      danke für deinen Kommentar.
      Vielleicht ist der zweite Teil des Artikels für dich interessant? Denn ich könnte mir vorstellen, dass wir etwas Ähnliches meinen, aber die Begriffe uns im Weg stehen. Ich denke wie du, dass Kinder dringend Wertschätzung und positves Feedback brauchen, das sie wachsen und stark werden lässt. Aber eben ohne „Urteile“. Möglicherweise räumt da Teil zwei mit dem Missverständnis auf?
      Britta Winter schaue ich mir demnächst mal an. Und vielleicht lesen wir beide ja noch mal was voneinander. 🙂
      Liebe Grüße und viel Erfolg bei deiner wichtigen Arbeit!
      Anne

  • Hallo, ich bin bei Pinterest über diesen Artikel gestolpert, weil ich derzeit mit meiner Tochter (4,5 Jahre) ständig Machtkämpfe, welche ich unbedingt vermeiden möchte, austrage und nach Tipps (Bedienungsanleitung gibt es leider nicht) auf der Suche bin um aus diesem täglichen Teufelskreis auszubrechen. Ich brauche dann aber auch dringend eine Alternative zur Bestrafung, wenn sie beispielsweise mit ihrem Essen matscht, um das Verhalten zu vermeiden. Sie testet täglich mehrmals ihre Grenzen (vollkommen normal für ihr Alter) und reargiert extrem wenn die Grenzen immernoch existieren. So lange Rede kurzer Sinn, ich habe leider das Gefühl, dass dein Konzept nicht funktioniert, wenn ich keine Alternative zu ihrem Fehlverhalten habe. Denn ich möchte ihr zeigen, dass ich sie bedingungslos Liebe, das tue ich.
    Liebe Grüße Corina

    • Hallo Corina,
      das Beziehungs- statt Erziehungskonzept „funktioniert“ tatsächlich auch nicht, wenn man als Ziel hat, dass Kinder gehorchen. Da muss ich dir zustimmen. Da habe ich auch keine Tipps für dich, weil ich kein Freund von Erziehungstricks bin.
      Meine Strategie ist eher eine andere: Ich frage mich in solchen Situationen als erstes: Warum stört mich das Gematsche mit dem Essen? Stört es mich wirklich? Oder triggert es meine eigenen Kindheitserfahrungen? Ist da eine Instanz in mir, die laut brüllt: „Das macht MAN aber nicht!“? Ich persönlich habe meine Kinder immer matschen lassen – das ging dann jeweils nur von einem dreiviertel Jahr bis zum ersten Geburtstag. Vom Essenmatschen lernen Kinder unglaublich viel. Dein Kind ist natürlich schon deutlich älter und matscht wahrscheinlich nicht mehr, weil es erkunden will. Wenn es rebelliert, hat das womöglich andere Gründe, die ich seriös unmöglich mit so wenigen Informationen herausfinden kann. Ich persönlich bin tatsächlich auch sehr skeptisch gegenüber der Haltung, dass ein Kind als Objekt der Erziehung „brav“ sein soll oder „Fehlverhalten“ korrigiert werden müsse.
      Kinder kooperieren immer – „freches“ Verhalten will uns i.d.R. etwas sagen. Dazu habe ich hier einen ausführlichen Artikel geschrieben.

      Vielleicht magst du ihn lesen und mir danach noch einmal schreiben, wenn du Fragen hast?

      Wenn sie auf ihre Grenzen mit sehr starkem Frust reagiert, könnte dir vielleicht dieser Artikel über starke Gefühle helfen.

      Ob der Ansatz, den ich hier vorstelle, nun zu deiner Familie passt oder nicht – ich wünsche dir und deinen Lieben alles Gute!
      Viele Grüße
      Anne

  • Hallo Anne,
    Danke für deine ausführlichen Tipps und deine Sichtweise.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass bedingungslose Liebe und Konsequenz sich nicht ausschließen und ich denke hier liegt der Fallstrick. Denn im Leben ist es nunmal so, dass es Grenzen gibt. Sei es physikslische Grenzen oder die emotionalen unserer Mitmenschen. Ein Kind bedingungslos zu lieben bedeutet für mich es auch darauf vorzubereiten, dass es im Leben Grenzen gibt und dass unsere Mitmenschen und ja auch ich als Vater Gefühle und Emotionen haben. Kinder testen aus und wollen wissen was passiert, wenn sie etwas tun und sie wollen auch wissen, was eine angebrachte Reaktion auf ein bestimmtes Verhalten ist. Als Eltern sollten wir ihnen das nicht vorenthalten. Erziehung ist wie eine Gratwanderung. Denn einem Kind nur Liebe zu zeigen und ihm nicht zu zeigen, dass sein Verhalten Konsequenzen hat, gilt mittlerweile auch als Vernachlässigung. Kannst du googeln. Auch so kann pathologischer Narzissmus entstehen. Denn wenn ein Kind nie Grenzen gelernt hat und nicht gelernt hat, dass sein Handeln Konsequenzen hat, woher soll es dann wissen wie es sich seinen Mitmenschen gegenüber sozial verhalten soll und was für Gefühle es bei seinem gegenüber auslöst. Es kann bei guter Erziehung also nur darum gehen, Kindern Konsequenzen aufzuzeigen, ohne dass Sie ihren Selbstwert verlieren. Und da kann eine Aussage wie: „Dein Gebrüll nervt mich gerade total und ich kann dich so nicht verstehen, deswegen gehe ich jetzt raus bis du dich beruhigt hast, bis später ich hab dich lieb!“. Nur authentisch und hilfreich für alle sein. Wichtig ist dem Kind zu zeigen, dass sein Verhalten nicht angebracht ist und es Konsequenzen hat, man es aber trotzdem liebt. Das Leben ist nunmal an Bedingungen geknüpft und das müssen Kinder auch lernen, denn sonst werden sie damit später als Erwachsene mehr Probleme bekommen als nötig. Das heißt nicht, dass man es in anderen Bereichen eingrenzen und Maßregeln sollte. Wenn es sich kreativ austoben will, kann man einen Rahmen dafür schaffen. Auch hier finde ich es wichtig zu zeigen: Ok, du willst Manschen? Mit Pappmaschee kannst du manschen, mit Essen finde ich es nicht so gut, weil es Lebensmittel sind, die einen anderen Zweck haben und manche Menschen eben nicht das Glück haben Essen auf dem Tisch zu haben. Was Belohnung angeht finde ich schon, dass es im Leben eine wichtige Rolle spielt auch Belohnungssysteme zu kennen. Nur sollten diese gut eingesetzt werden. Wenn mein Kind sich ein Ziel setzt, welches für es weit weg ist und schwierig, kann es schon sinnvoll sein ein Belohnungsystem einzuführen. Das fördert auch die intristische Motivation. Nur sollte dabei darauf geachtet werden, dass es lernt sich auch selbst zu belohnen. Wir haben dazu z.B. eine Strichlisten die mein Sohn selbst ausfüllen kann. Er freut sich immer tierisch wenn er etwas geschafft hat und selbst dort einen Strich machen kann. So sieht er, dass er einen Weg gegangen ist um sein Ziel zu erreichen, kann sich selbst belohnen und lernt dabei auch noch zu zählen und zu rechnen. Er hat ein System gelernt, was ihn weiter bringt und motiviert. Was soll daran schlecht sein? Wie du siehst sollte man differenziert mit den Themen Erziehung, Konsequenz und bedingungsloser Liebe umgehen. Es gibt keine Pauschalrezepte. Und man darf seinem Kind auch mal sagen, dass sein Verhalten gerade nervt und unangebracht ist. Der Mittelweg ist der Goldene! Viele Grüße Peter

    • Hallo Peter und danke für deine ausführliche Nachricht.

      Ich stimme dir völlig zu: die eigenen Grenzen als Erwachsener deutlich machen und auch zu verteidigen, ist unerlässlich. Das hat für mich aber nichts mit Bestrafung zu tun. Vielleicht haben wir hier ein Missverständnis, was die Begriffe angehe. Es ist vollkommen richtig, dass Kinder lernen müssen, dass ihr Handeln eine Wirkung hat. Aber wenn ich es als „natürliche Konsequenz“ bezeichne, dass es keinen Nachtisch gibt ohne Tischmanieren, dann tarne ich eine Strafe mit einem Euphemismus.
      Ich persönlich habe noch nie ein Belohnungssystem angewandt und wehre mich auch massiv gegen die Behauptung, dass es die intrinsische Motivation fördern würde. Da bin ich nicht deiner Meinung. Im Hirn klingelt durch Belohnungen das Belohnungszentrum, das ist in dem Moment erstrebenswert für das Kind, ja. Aber das Gleiche passiert beim Konsum von Drogen. 😉
      Es ist aber ein Unterschied, ob ein Kind ein Dinosaurierbuch verschlingt, weil es unbedingt wissen will, ob der Triceratops nun ein Pflanzen- oder Fleischfresser war – oder ob es sich die Seiten reinzwingt, weil es nachher einen Belohnungsstempel in ein Heftchen bekommt. Für mich sind Belohnungen Manipulationen, die die Kinder formen, so wie WIR das wollen. Vielleicht macht das manchen den Alltag leichter, bequemer. Aber bewertet werden, beurteilt ist aus psychologischer Sicht nie eine gute Idee in Hinblick auf das Selbstwertgefühl des Kindes. Man kann seine Werte und Grenzen auch verdeutlichen und dem Kind damit Stabilität geben, OHNE Bewertungssysteme.

      Es gibt inzwischen Schulen, die gänzlich ohne Bewertung auskommen, wie beispielsweise die Apego-Schule in Berlin. Da lernen die Kinder tatsächlich intrinsisch motiviert – und das viel besser als an den herkömmlichen Schulen.
      Man kann dagegen argumentieren, dass später in der Arbeitswelt die Kinder dann vielleicht nicht klarkommen – aber auch da beweisen die Beispiele aus der Realität das komplette Gegenteil.

      Deine Familie und du, ihr werdet euren Weg gehen – auf die Weise, die für EUCH passt. 🙂
      Danke für den Austausch!
      Alles Liebe und viele Grüße
      Anne

  • Liebe Anna, deine Artikel sind sehr wertvoll und hilfreich. Vielen Dank dafür. Ich lese mittlerweile viel zu diesem Thema und bin dir auch für die Zitate bzw. Literaturhinweise dankbar. Nora Imlau hatte ich durch Zufall vor langem entdeckt und viel daraus gelernt. Dennoch sind deine Artikel nocheinmal ein zusätzlicher Anstoß zum Nachdenken. Wie viele schon geschrieben haben, nicht immer gelingt die Umsetzung im Alltag. Aber die Änderung der Grundeinstellung hat uns bereits extrem vorangebracht und die Beziehung zu unserem Kind gestärkt. Unglaublich ist auch wie gut es ohne die veralteten Methoden klappt, sogar besser.

    Mit dem o.g. Thema Behaviourismus sprichst du etwas sehr Präsentes an. Trotz aller Fortschritte, Erkenntnisse und Fortbildungen denken nicht nur viele Eltern, sondern Kitas, das wäre ein guter Weg und würde dem Kind sogar helfen. Das ist in unserer Kita aufgrund eines Vorfalles aufgefallen. Es liegt auch an uns Eltern hinzuschauen und den Mund aufzumachen. Vielleicht auch ohne Anlass in der Kita mal nachzufragen. Es reicht leider nicht, wenn wir Eltern eine positive Einstellung einnehmen. Das hatte auch Jesper Juul bereits angesprochen. Es gibt große Fortschritte bei den Eltern, aber nicht bei Betreuungsinstitutionen. Gerade aber dort müssen die Kinder immer länger verbringen und werden entsprechend stark von den dortigen Erziehungsmethoden geprägt. Unsere Kita ist jetzt zum Glück bereit umzudenken. Es war Ihnen einfach nicht bewusst, dass Behaviourismus überholt und schädlich ist.

    Vielen Dank nochmal für deine inspirierenden und erhellenden Artikel.

    Liebe Grüße

    • Liebe Bia,
      danke vielmals für deine Wertschätzung und deinen klugen Kommentar.
      Ich finde toll, wenn immer mehr Eltern wie du die ggf. destruktiven Strukturen und Methoden in den Betreuungseinrichtungen erkennen und auch darauf aufmerksam machen.
      Alles Liebe und viele Grüße
      Anne

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Ich bin Anne, leidenschaftliche Onlinejournalistin und immerfort lernende Mutter zweier Kleinkinder. Süchtig nach anspruchsvollen Büchern und mit einer Schwäche für ausgezeichneten Schwarztee. Auf meinem Blog WELTFREMD setze ich mich für mehr Mütterlichkeit und eine wärmere Gesellschaft ein. ♥

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