Was mache ich, wenn mein Kind weint, schreit, wütet? Wie gehe ich mit Gefühlsausbrüchen um?

Schreien, Weinen, Wüten: Wie gehe ich mit großen Gefühlen meines Kindes richtig um?

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

Was für eine reißerische Überschrift. „Richtig“, „falsch“ – gibt es das in Bezug auf Gefühle? Können Gefühle überhaupt richtig oder falsch sein? Sicher nicht.

Aber der Umgang mit ihnen – kann der richtig oder falsch sein?

Lassen wir mal das moralische Urteil beiseite und schauen uns die Wissenschaft an.

Die Psychologie sagt: Ob und wie du auf kindliche Gefühle reagierst, zieht eindeutige Konsequenzen nach sich.

Und zwar erhebliche. Riesige. Entscheidende. Weitreichende Konsequenzen.

Um nicht zu sagen: Wenn es eine Sache gibt, die auf das gesamte Leben deines Kindes einen so großen Einfluss hat, dann ist es diese: dein Umgang mit seinen Gefühlen.

Er kann dein Kind zu einem abhängigen, depressiven Verlierertypen machen.

Er kann dein Kind aber auch zum glücklichen Helden seines eigenen Lebens machen.

Du fragst dich jetzt sicher: Los, welcher Schlüssel führt zu dem Dings mit dem Glück da! Denn du willst mit großem Abstand vor allen anderen Dingen eines: dass dein Kind gesund und glücklich ist.

Aber ob du es glaubst oder nicht – gerade das kann es unglücklich machen.

Bitte was?

Pass auf. Ich erkläre dir in diesem Artikel:

  • Welche Bedeutung Gefühle für Babys, Kinder und dich haben
  • Drei Arten, wie du mit großen Gefühlen deines Kindes umgehen kannst
  • Welche Bedeutung Wahrnehmen und Anerkennen von Gefühlen hat
  • Welchen Schaden es anrichtet, Gefühle nicht zuzulassen
  • Warum der Anspruch, glücklich zu sein, unglücklich macht

und last but not least:

  • Warum Ablenkung von Gefühlen meist nach hinten los geht.

Am Schluss dieses Artikels wirst du (und dein Kind) dir danken, dass du ihn gelesen hast. Also los.

Warum sind Emotionen überhaupt so wichtig?

Wir Menschen sind emotionale Wesen. Immer wenn wir glauben, wir träfen eine Entscheidung rational, hat in Wahrheit unser Gefühl schon viel früher entschieden. Unser Verstand hat dann nur noch die dazu passenden Fakten zusammengetragen, um das Gefühl sachlich zu bestätigen.

(Das ist wissenschaftlich gesichertes Wissen – das in garantiert jedem Marketinglehrbuch steht.)

Als dein Baby auf die Welt kam, hast du vielleicht festgestellt: Dieses kleine Bündel besteht aus Gefühl. Dein Baby hat und kommuniziert Gefühle, noch bevor es denken und sprechen kann. Sie sind sein Lebensmittelpunkt. Du verstehst diese Emotionen zwar nicht immer, aber es teilt sie authentisch und aufrichtig mit.

Und jetzt kommt’s: Die Art, wie du gerade am Anfang mit seinen Gefühlen umgehst, legt das Fundament für sein lebenslanges emotionales Wohlbefinden.

Die großartige Philippa Perry schreibt im Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen*:

Wenn Sie sensibel auf die Gefühle Ihres Kindes reagieren, bringen Sie ihm bei, eine gesunde Beziehung zu seinen Gefühlen aufzubauen, von den Extremen der Wut und Trauer über Zufriedenheit und das Gefühl der Ruhe und Entspannung bis hin zu den Höhen der Freude und Großzügigkeit.

Das ist die Grundlage psychischer Gesundheit.

Perry, S. 65.

Mamas beherrschen mit ihrem Umgang mit Gefühlen die Welt ♥

Unangenehme Gefühle leugnen

Vielleicht ist es dir nicht bewusst, aber du tust es trotzdem?

Ignorieren und Leugnen von Gefühlen ist eine potenzielle Gefahr für die psychische Gesundheit deines Kindes.

Vielleicht fühlt es sich für dich „richtig“ an, wenn du deinem Kind schlechte Stimmungen und unangenehme Empfindungen ausredest. Du meinst, das tust du nicht? Verharmlosen, Ratschläge erteilen, tadeln, schimpfen, ermahnen – das kann bedeuten, Gefühle zu leugnen.

  • „Ach, komm, so schlimm ist das doch nicht!“
  • „Was stellst du dich nun wieder so an? Das ist doch kein Weltuntergang!“
  • „Kannst du dich jetzt bitte einfach mal zusammenreißen?“
  • „Jetzt ist aber mal Schluss mit dem Gejammer! Du hast überhaupt keinen Grund, schlecht gelaunt zu sein!“

Warum Empathie manchmal so eine schwierige Angelegenheit ist, kannst du hier nachlesen: Hitler im Herzen – Erziehung und Trauma.

Wenn du vollkommen offen für die Trauer, Wut und Enttäuschung deines Kindes bist, kann es sich vielleicht so anfühlen, als würdest du diese Gefühle verstärken.

Aber der Punkt ist: Gefühle verschwinden nicht einfach so.

Sie tauchen vielleicht ab. Aber dort beginnen sie – wie Eiter – zu einem späteren Zeitpunkt Ärger zu machen.

Die häufigste Ursache für Depressionen bei Erwachsenen sind nicht Erfahrungen, die man als Erwachsener gemacht hat, sondern dass man als Kind in der Beziehung zu den Eltern nicht gelernt hat, sich zu beruhigen. Wenn jemand nicht verstanden und getröstet wurde, sondern seine Gefühle vernachlässigt wurden, er sich alleine in den Schlaf weinte oder mit seiner Wut alleine gelassen wurde, wird seine Fähigkeit, unangenehme oder schmerzhafte Emotionen zu tolerieren, immer geringer […]. Es ist, als gäbe es nur einen bestimmten Raum für schwierige Emotionen, um wenn dieser Raum voll ist, haben sie keinen Platz mehr.

Perry*, S. 66f.

Die allerwichtigste Erfahrung, die dein Kind in seinem frühen Leben machen muss, um später glücklich werden zu können, ist:

Egal, was ich fühle: Ich bin liebenswert. Ich werde akzeptiert. (M)ein Gefühl ist immer richtig.

Egal, wie schlimm ich mich fühle: Es wird vorüber gehen. Jemand hört und sieht mich und hält es mit mir aus.

Wie reagierst du? Zwei Extreme

Wenn du bisher dachtest, es sei eine kluge Strategie, Unzufriedenheit oder Wut deines Kindes zu ignorieren – ist das vielleicht auch die Reaktion, die du auf deine eigenen Gefühle hast?

  • Verdrängen: Verdränger-Mamas neigen dazu, große, unangenehme Gefühle mit „Sei tapfer“ oder „Sssch-ssssch“ wegzuschieben.
  • Überreagieren: In manchen Situationen ist auch das Gegenteil der Fall, und du leidest womöglich derart mit deinem Kind, als wäre sein Schmerz dein eigener.

Was hilft stattdessen?

Sowohl dir als auch deinem Kind hilft in schwierigen Situationen langfristig am meisten: Gefühle annehmen und einordnen.

Gefühle müssen grundsätzlich erst gesehen und gehört werden, damit sie kleiner werden oder verschwinden können.

Gefühle ernst nehmen, ohne hysterisch zu werden und trotzdem optimistisch zu bleiben – wie vermittelst du das deinem Kind? Vielleicht so:

„Oweia, du bist aber traurig! Würde dir Kuscheln helfen? Komm her, ich halte dich, bis du dich besser fühlst.“

Wenn ein Kind weiß, dass es gesehen und beruhigt, nicht aber bewertet wird, wird es Ihnen eher sagen, was mit ihm los ist. […] Es gehört dazu, dass sie [bspw.] die Wut in einem Kind wahrnehmen, verstehen, warum es wütend ist, und das vielleicht für das Kind in Worte fassen, und diese Wut nicht bestrafen oder sich von ihr überwältigen lassen.

Perry*, S. 68.

Wozu brauchen Menschen Emotionen?

Wozu das Leid? Was bringt uns das? Wäre es ohne nicht manchmal leichter?

Stell dir die unangenehmen Gefühle als eine Art Warnsignal vor.

Was tust du, wenn am Armaturenbrett deines Autos die Reserveleuchte aufblinkt?

Schraubst du die Lampe raus, damit du sie nicht mehr siehst?

Nein. Du gibst dem Auto, was es braucht. Nur dann kann es weiterfahren.

So einfach ist das.

Gefühle haben die gleiche Aufgabe: Sie sind Signale für unsere Bedürfnisse.

Gefühle beschützen uns vor Gefahren – und unsere Kinder vor sexueller Gewalt

Wenn du die Empfindungen deines Kindes leugnest, schwächst du damit seine Instinkte.

Ich empfehle zu dieser Thematik von Herzen die Bücher:

Die short version: Über Gefühle lässt sich nicht streiten! Wenn dein Kind Ekel empfindet, die Küsse der Tante nicht ausstehen kann, den feuchten Händedruck des Großvaters scheut, dann fühlt es nun mal so. Ein „Sei nicht albern und mach schon“ kann gefährlich werden:

Wenn sie ihr Kind albern nennen, weil es sich über Omas leckeren Linseneintopf beschwert, kann es vielleicht das Gefühl bekommen, dass es mit ihnen nicht darüber reden kann, wenn der widerliche Klavierlehrer ihm die Hand aufs Bein legt. Der Unterschied ist uns nur allzu klar, doch ein Kind bucht beides unter „etwas Ekliges“ ab. […] Ihr Kind hat vielleicht nicht gelernt, alarmiert zu sein, wenn es unangemessen berührt wird, so wie es alarmiert ist, wenn es etwas essen soll, das ihm nicht schmeckt. In seinen Augen ist beides ein Angriff auf seine Sinne.

Perry*, S. 87.

Kinder glücklich schimpfen

So absurd diese Zwischenüberschrift klingt, so absurd ist auch die zugehörige Realität:

Wenn du als Kind für Weinen, Jammern, Wüten gescholten wurdest, dann neigst du leicht dazu, auch dein Kind zu tadeln, wenn es „bockt“, „mault“ oder „schlechte Laune“ hat.

Wenn wir mit unseren Kindern schimpfen, weil sie sich schlecht fühlen, weinen sie über zwei Dinge: über das, worüber sie ursprünglich traurig waren, und darüber, dass ihre Eltern verärgert und sie immer noch traurig sind.

Perry, S. 72.

Wenn du die Emotionen deines Kindes immer ernst nimmst und es beruhigst, verinnerlicht es nach und nach diesen Trost. Es wird schließlich fähig sein, sich selbst zu beruhigen.

Das kann in einem ersten Schritt bedeuten, dass du lernst, deine eigenen Emotionen angemessen zu behandeln. Dich selbst zu beruhigen.

Achtsam und liebevoll mit dir selbst umzugehen, ist für eine wertschätzende Beziehung zu deinem Kind unabdingbar.

Vielleicht hilft dir das Buch Mögest du glücklich sein (Seiler)* dabei.

Was Gefühle ernstzunehmen NICHT bedeutet

Wenn du zum Eis Nein gesagt hast oder dein Kind weint, wenn es bei Oma gelassen wird – sollst du ihm dann nachgeben? Eis kaufen? Es mit auf Arbeit nehmen?

Nein.

Gefühle immer ernstzunehmen bedeutet, sie wahrzunehmen, sie in Betracht zu ziehen. Und zwar nicht durch Ablenken oder Widersprechen, sondern durch Empathie.

Es bedeutet, sich nicht zu distanzieren, nicht wegzulaufen, wenn große Gefühle im Anmarsch sind.

Wenn sich dein Kind verstanden fühlt, hat es plötzlich weniger Grund zu weinen und zu toben. So paradox es auch klingen mag: Je lauter und heftiger wir weinen, umso kleiner wird die Traurigkeit.

Gefühle zu unterdrücken, bedeutet, dass der emotionale Stress deines Kindes nur nach innen wandert, anstatt sich allmählich aufzulösen. (Das schwächt Studien zufolge sogar merklich das Immunsystem.)

Willst du das? Sicher nicht. Wir waren ja schon mal bei dem Ding mit dem Glücklichsein.

Nicht so sehr die Fremdbetreuung, das verweigerte Spielzeug, das Ausschalten des Fernsehers tut der Kinderseele weh – als vielmehr die Leugnung oder Unterdrückung des Schmerzes.

Gefühlsausbrüche bei meinem Kind - wie soll ich darauf reagieren?
Was soll ich tun, wenn mein Kind extreme Gefühle zeigt?

Wie reagieren, wenn mein Kind traurig ist?

Wenn es dir schwerfällt, die Traurigkeit deines Kindes auszuhalten, neigst du vielleicht dazu, sofort Lösungen zu suchen, es abzulenken oder eine Ersatzbefriedigung (Süßkram, Geschenke, Fernsehen …) anzubieten.

Wahrnehmen, Anerkennen und Aushalten könnte stattdessen so funktionieren:

  • Zuhören, ohne gleich alles in Ordnung bringen zu wollen
  • Gesellschaft leisten, Kuscheln oder Streicheln anbieten
  • Fragen, wie sich die Traurigkeit anfühlt? Wo dein Kind sie am Körper fühlt? Ob es weiß, woher die Traurigkeit kommt?

Ich verspreche, dein Kind wird sich dadurch – vielleicht zu deiner Überraschung – besser fühlen.

Hast du nun Schuldgefühle?

Hast du das Gefühl, du hättest einiges falsch gemacht?

Ich kenne das. Schuldgefühle können ein Martyrium sein! Aber es hilft weder dir noch deinem Kind. (Lies mehr dazu in diesem Artikel: Das ewige schlechte Gewissen – warum es schadet und wie du es loswirst.)

Die eigenen Schwachstellen ehrlich einzugestehen, kann hingegen entlasten. Und positive Veränderungen helfen der ganzen Familie.

Wir Eltern machen alle Fehler. Ständig. Das ist auch gut so. Wir sind keine Schaufensterpuppen. Aber die Fehler sind nicht entscheidend: Entscheidend ist, wie wir versuchen, sie zu korrigieren.

Alle paar Tage entschuldige ich mich bei meinen Kindern und reflektiere mit ihnen gemeinsam darüber, was von meiner Seite aus schief gelaufen ist. Zu meinem Erstaunen übernehmen sie das für ihr eigenes Verhalten. Viele Risse in der Beziehung zu unseren Kindern bemerken wir vielleicht nicht einmal. Aber die, die wir erkennen, können wir versuchen zu reparieren.

Ein paar Beispiele für einfühlsames Benennen und Einordnen von Gefühlen

  • Felix ist zwanghaft auf einen bestimmten Platz im Auto fixiert und brüllt verzweifelt los, als sein Kumpel sich nach dem Kindergeburtstag auf seinem Platz hat anschnallen lassen: „Du bist wirklich unglücklich, wenn du Noah auf deinem Platz sitzen siehst, was? [Weinen lassen.] Ja, du bist traurig und findest es ungerecht. Nächstes Mal kannst du wie gewohnt rechts sitzen. Aber wie machen wir es dieses Mal? Sitzt du in der Mitte oder links am Fenster?“
  • Onkel Günther ist betrunken auf einer Familienfeier, Benno wird still und beobachtet ihn unsicher: „He Benno, sag mal, du scheinst dich unwohl zu fühlen. Wie ist das denn für dich, wenn Onkel Günther so komisch ist? Macht dir das Angst? [Abwarten, zuhören, Körperkontakt anbieten.] Komm, wir gehen eine Runde draußen spazieren.“
  • Weltuntergangsstimmung bei Margarethe, weil sie vor dem Essen kein Eis bekommt: „Mäuschen, du bist so wütend über meine Entscheidung, nicht wahr? Ich kann verstehen, dass es dich frustriert. [Körperkontakt anbieten, Zeit geben.] Jetzt wird es langsam besser, oder? Dann los, setzen wir uns zu Papa an den Tisch.“
  • Sturz vom Laufrad, Amalia weint vor Schmerz und/ oder Schreck: „Ach du liebe Güte, na das tut aber weh! Komm, ich nehm dich hoch, meine Liebe. Ich bin da. [Halten und aushalten.]“

Dein Kind bekommt durch deine Begleitung die wunderbare Möglichkeit, mehr über sich zu erfahren. Wenn dein Kind erlebt, wie du mitfühlst, muss es plötzlich seinen Willen nicht mehr durchsetzen. Darum geht es ihm auch nicht primär. Es will seinen Schmerz einfach nur mit dir teilen.

Einfach mal ausprobieren und staunen. ♥

Alle Gefühle sind richtig

Dass alle Gefühle ihre Berechtigung haben, dass kein Gefühl richtig oder falsch sein kann, ist nicht nur in Bezug auf dein Kind eine entscheidende Erkenntnis.

Frag dich mal selbst: Wurdest du als wütendes, weinendes, klagendes, jammerndes Kind in deiner Ursprungsfamilie genauso akzeptiert, geliebt, gemocht wie in Momenten des Glücks, der guten Laune, der Unbeschwertheit?

Möglicherweise nicht. In unserer Kultur neigen Eltern dazu, ihre Kinder „besser zu finden“, wenn sie positive Stimmungen haben.

Dadurch kommt aber diese Botschaft an: Ich bin wertvoll, wenn es mir gut geht. Ich bin wertlos oder weniger wertvoll, wenn ich mich schlecht fühle.

Autsch!

Warum das denn?

(Wir wollen bedingungslos, um unserer Selbst Willen und nicht für eine bestimmte Leistung geliebt werden. Auch dein Kind. Hier kannst du lesen, wie das geht – mit der bedingungslosen Liebe.)

Alle Gefühle erfüllen im psychischen Gleichgewicht eine bestimmte Funktion. Wut und Angst wollen uns schützen. Freude und Glück wollen uns motivieren.

Wie fühlst du dich, wenn du wütend auf dein Kind bist? Noch immer als eine wertvolle, tolle Mama? Nicht? Aha.

Dann pass mal auf: Ich wette, dein höchstes Ziel ist, dass dein Kind glücklich ist.

Das ist an sich nichts Schlechtes. Das Problem ist nur, wenn wir so verzweifelt darauf aus sind, unsere Kinder „glücklich zu machen“, geraten wir schnell mal in die Situation, ihre Gefühle zu leugnen, wenn sie es eben nicht sind.

Außerdem: Du bist erwachsen. Du bist klug. Du weißt aus Erfahrung: Glück kommt und geht. Wie alle Gefühle.

Durch Schimpfen oder auch nur durch Ablenkung kann man niemanden glücklich machen. Je umfassender Sie Ihr Kind unabhängig von [seinem] Erleben und [Fühlen] annehmen und lieben, desto größer wird seine Fähigkeit werden, glücklich zu sein. Und das gilt auch für Sie selbst. Auch wir Eltern müssen uns selbst und alle unsere Stimmungen akzeptieren.

Perry*, S. 88.

Wie wirken Wut, Angst und Traurigkeit bei deinem Kind auf dich? Als zu korrigierende Gefühle? Stattdessen kannst du sie auch als Gelegenheit ansehen, mehr über dein Kind zu erfahren und deine Bindung zu ihm zu stärken. Damit verbesserst du langfristig seine Fähigkeit, Glück zu empfinden.

Aber verstärkst du nicht die hässlichen Gefühle…

… wenn sich dein Kind mit Schmerz, Wut oder Scham an dich wendet?

Es kann sich am Anfang tatsächlich so anfühlen, wenn du das Gefühl wertfrei benennst und einordnest.

Aber was passiert dadurch wirklich? Dein Kind kann die Emotion verarbeiten. Und dadurch geht es ihm schlichtweg: besser.

Glücklich sein um jeden Preis?

Das funktioniert nicht.

Für Emotionen gibt es im Menschen kein Entweder-Oder. Wenn man schmerzhafte Gefühle blockiert, verschwinden auch die schönen. Stimmungen haben keine Senderwahl wie am Radio. Sie haben nur den Lautstärkeregler: Wenn du Traurigkeit leiser stellst, verstummt auch das Glück.

Was ist Glück überhaupt?

Die Vergnügungskultur des materiellen Reichtums kennt dein Baby noch nicht. Dafür hat es aber eine unverstellte und echte Vorstellung davon, was Glück für einen Menschen in Wahrheit bedeutet: Verbindung.

Es ist das Gefühl, mit Mama und Papa auf sinnvolle und bedeutsame Weise verbunden zu sein, sich verstanden und gesehen zu fühlen – sowohl in guter Laune als auch unter Zorn, Angst und Traurigkeit.

Wenn Sie sich Glück für Ihr Kind wünschen, geht es trotz allem, was die Götter des Konsumverhaltens uns eingetrichtert haben, wahrscheinlich nicht darum, Dinge zu besitzen. Es geht auch nicht darum, der Klügste, der Reichste, der Größte, der Glänzendste oder sonst etwas zu sein. Es geht um die Qualität der Beziehungen des Kindes.

Perry*, S. 92.

Egal, wie schmerzhaft die Gefühle deines Kindes auch auf dich wirken, wie unangenehm, lästig und anstrengend du sie findest: Du machst ihm das größte Geschenk, wenn du sie nicht leugnest, sondern benennst und einordnest. Je mehr du dagegen ankämpfst, umso stärker (oder gar schädlich) werden sie.

Häufig hat nicht dein Kind das große „Problem“ mit Wut, Angst oder Traurigkeit. Aber was löst es in dir aus, dein Kind so hemmungslos schluchzen, kreischen oder um sich schlagen zu sehen?

Empathie ist eine härtere Arbeit, als es auf den ersten Blick scheint. Es geht nicht darum, den eigenen Standpunkt aufzugeben, sondern darum, wirklich zu sehen und zu verstehen, warum die andere Person sich so fühlt […].

Perry*, S. 95.

Warum Ablenkung ein Schuss in den Ofen ist

Sie wird andauernd eingesetzt. Aber nur in den wenigsten Fällen ist sie angemessen: Ablenkung von Gefühlen.

Warum? Was soll schlimm daran sein?

Ablenkung ist ein billiger Trick. Eine Manipulation.

Davon abgesehen, dass Tricks der Eltern-Kind-Bindung schaden können, werden sich jegliche Manipulationen ungünstig auf das spätere Glück deines Kindes auswirken.

Klar, wenn dein Kind beim Kinderarzt durch eine hässliche Untersuchung durch muss, ist Ablenkung großartig. Aber als manipulative Taktik ist sie nicht authentisch und kann (früher als du denkst) die Intelligenz deines Kindes beleidigen.

  • Aufgebrachte Kinder von einem Streit ablenken? Wie lernen sie dann Enttäuschung zu verarbeiten und Konflikte zu lösen?
  • Das Kleinkind ablenken, wenn Mama zur Arbeit schleicht? Wo bleibt der Respekt gegenüber dem kleinen Menschen, der eine aufrichtige Verabschiedung verdient hat? Wo bleibt die Sicherheit, dass es sich verlassen kann, ob Mama nun da ist oder nicht? Wo bleibt das emotionale Auffangen, während es sich hemmungslos seinem Abschiedsschmerz hingibt?
  • Ein Kind stets von Wut und Traurigkeit ablenken? Wie lernt es dann, sich konzentriert auch schwierigen Dingen zuzuwenden?

Die aufrichtige Herangehensweise kann lange dauern und anstrengend sein. Aber sie lohnt sich. Sie ist authentisch, ehrlich und schmiedet eine felsenfeste Bindung zwischen euch.

Gefühle annehmen, aushalten, benennen und einordnen:

  • stärkt die emotionale Intelligenz deines Kindes,
  • lehrt es, dass es auch schmerzhafte Gefühle überstehen kann
  • und hilft ihm, schwierige Ereignisse zu verarbeiten.

Bei diesem Lernprozess braucht es deine fürsorgliche Unterstützung.

In a nutshell

Lassen wir’s noch einmal die fabelhafte Philippa Perry sagen:

Weil wir unbedingt wollen, dass unsere Kinder glücklich sind, schieben wir sie manchmal weg, wenn sie wütend oder traurig sind. Um jedoch seelisch gesund zu bleiben, müssen Kinder ihre Gefühle akzeptieren und angemessene Wege kennenlernen, all ihre Emotionen auszudrücken. Das Gleiche gilt auch für uns Erwachsene. Es ist also wichtig, dass wir auch unsere Gefühle akzeptieren, statt sie zu verleugnen.

Perry*, S.99.

Aufrichtige und herzenswarme Grüße

Anne

PS: Kennst du noch andere liebevolle Mamas mit wütenden, traurigen, zornigen und vor Glück übermütigen Kindern? Schön! Dann leite ihnen diesen Artikel doch weiter. Mehr Gefühl braucht die Welt! ♥

Literatur:

Faber, Adele/ Mazlish, Elaine: So sag ich’s meinem Kind: Wie Kinder Regeln fürs Leben lernen, ObersteBrink 2019.*

Kerger-Ladleif, Carmen: Kinder beschützen! Sexueller Missbrauch. Eine Orienterung für Mütter und Väter, Mebes und Noack 2012.*

Perry, Philippa: Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen (und deine Kinder werden froh sein, wenn du es gelesen hast), Berlin 2020.*

Seiler, Laura: Mögest du glücklich sein. Entdecke dein Höheres Selbst und verbinde dich mit deiner inneren Kraft, KNAURLeben 2020.*

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

Gefühle, Gefühle akzeptieren, Gefühlsausbruch, Traurigkeit, Trösten, Wutanfall

Comments (10)

  • Liebe Anne! Ich habe weltfremd vor ein paar Tagen entdeckt und bin endlos begeistert. Ich habe inzwischen alle bisher veröffentlichten Artikel gelesen und freue mich schon auf mehr…
    Du schaffst es scheinbar mühelos die Erkenntnisse von so vielen klugen Köpfen, die den liebevollen Weg gewählt haben, auf den Punkt zu bringen! Du hast mich im Herzen erreicht und bestärkst mich, weiter gegen den Ballast meiner eigenen Kindheit anzugehen.
    Auch ich glaube fest daran, dass wir alle durch Achtsamkeit und Veränderung im ganz Kleinen auch das große Ganze irgendwann verändern können! In diesem Sinne, vielen Dank für deine tolle Arbeit!
    Liebevolle Grüße Anna

    • Liebe Anna,
      was für ein tolles Feedback, danke dir!
      Es motiviert mich unglaublich, wenn ich so eine Rückmeldung bekomme. Ich bin weiter fleißig, versprochen! 🙂

      Alles Gute dir und liebe Grüße
      Anne

  • Liebe Anne,
    einfach wundervoll geschrieben. Frei, frech und direkt. Danke für Deine Arbeit&Mühe, auch wenn man nicht loben soll, nicht wahr

    Ich freue mich sehr Deinen Blog entdeckt zu haben und verteile Deine Weisheiten ganz schamlos unter allen Freunden und Omas&Opas, die ich so kenne.

    Herzlichen Dank und ich bin gespannt, was Du uns als nächstes schreibst.

  • Liebe Anne,

    ich bin über deine Artikel gestolpert und finde sie klasse. Allerdings finde ich es ein bisschen schade, dass du am Ende nur die Weiterleitung an andere interessiere Mamas nennst. Ich leite deine Artikel regelmäßig meinem Mann weiter und auch er als Papa findet sie interessant. Ein bisschen mehr Gleichberechtigung kann hier bestimmt nicht schaden. 😉

    Liebe Grüße und danke für die tollen Anregungen
    Madeleine

  • Hallo,

    Danke für deine tollen Artikel.
    Die Gedanken sind mir seit langem vertraut, bei den noch kleinen Kindern konnte ich diese auch gut umsetzen. Schade finde ich, dass es nirgends um ältere Kinder geht. Und auch nirgends um Geschwisterkonstellationen. Denn ich komme immer wieder an meine Grenzen bei unserer ältesten Tochter. Sie ist fast 11, schon immer sehr impulsiv und neigt dazu, ihre Gefühle an anderen auszuagieren. Ich habe lange, lange ihre Gefühle gespiegelt, akzeptiert, begleitet etc. Aber es ist inzwischen zu massiv für uns alle. So ein großes Kind schreit und haut einfach anders um sich als eines in der ersten Autonomiephase. Wir setzen inzwischen klare Grenzen und ja, schicken sie auch mal in ihr Zimmer, wenn sie brüllt und tobt. Ihre jüngeren Schwestern und wir Eltern müssten sonst gehen, und es kann doch nicht sein, dass 4 Leute sich ihrem Zorn unterordnen und alles aushalten, wenn sie zB die Situation am Essenstisch mit ihrem Verhalten sprengt. Alles spiegeln, Anbieten von Kontakt, Verbalisieren, steigert ihr Verhalten. Alles Vorwarnen, Anzeigen von Grenzen wird in solchen Momenten übergangen. Und es geht in eine Aufwärtsspirale. Natürlich könnte ich versuchen, sie dabei zu begleiten, bis es abebbt. Aber ich habe drei Kinder, von denen zwei inzwischen in solchen Situationen den Kopf einziehen und sich verdrücken. Wie soll man solche Situationen so bewältigen, dass es für alle erträglich ist? Und nein, es gleicht sich nicht aus. Solche Ausbrüche haben die anderen beiden nicht…

    Außerhalb der Familie ist das alles nie ein Problem. Sie kann es also kontrollieren. Zu Hause mutet sie uns aber in vollem Umfang ihr gesamtes Repertoire zu, und auch wenn ich mir das erklären kann, wird es einfach zu viel.

    Was ich sagen will: die Grundidee ist so wichtig. Aber wir kommen damit nicht mehr weiter, weil ein Kind so überbordend ist, und damit auch so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, dass die anderen beiden leiden.

    • Liebe Marianne,
      danke für deinen ausführlichen Kommentar. Das klingt ja wirklich hart! Und ich bewundere dich, dass du trotz allem die liebevollen Wege bis zur letzten Möglichkeit ausgeschöpft und probiert hast.

      Also zu deinem Feedback: Mein Blog ecistiert seit nicht mal zwei Monaten. Ich freue mich riesig darauf, noch viele viele neue Themen einzubauen. Aber meine Kinder sind noch nicht im Kindergarten und deshalb komme ich nur nachts zum Arbeiten. Da schaffe ich leider weniger, als ich mir wünsche. Sorry, dass für dich noch nichts hilfreiches für die Situation dabei war.

      Zu deinen Problem kann ich konkret nichts raten, weil ich hier nur wissenschaftlich fundierten Journalismus betreibe. Eine Ausbildung in Familienberatung habe ich (noch) nicht. Deshalb lege ich dir allerwärmstens etwas ans Herz, das mir selbst schon mehrere Male unglaublich weitergeholfen hat: die Familienberatung von Familylab Deutschland. Es gibt auch eine ganz wundervolle Onlineberatung: https://online-familiencoach.de/ Die sind flexibel, was die Bezahlung angeht. Schau mal rein.

      Für mich klingt es, als sei deine Tochter bereits in der Pubertät angekommen. Jesper Juul hat dazu auch ein tolles Buch geschrieben.

      Ich wünsche dir alles Liebe und will dich gerne bestärken: Du bist eine tolle Mutter! Auch dieser Sturm wird irgendwann vorüberziehen. Auf dass ihr einen glücklichen Weg findet!

      Anne

  • Vielen vielen Dank für diesen Artikel! Ich fühle mich gerade so bestärkt in meiner Erziehung und meinem Umgang mit meinem Kind. Ständig muss ich mich rechtfertigen („jetzt bekommt sie ja doch wieder nur ihre Willen“ wenn ich sie umarme und tröste weil sie einen Wutanfall hat o.ä.). Gerade meine Schwiegermutter oder auch mein Mann haben oft wenig Verständnis für das Verhalten und die großen und lauten Gefühle meiner Tochter und hinterfragen selten, warum sie nun so ist, wie sie ist.

    Gleichzeitig ist mir beim Lesen aber auch aufgefallen, dass das Verhalten der Unterdrückung oder Verleugnung von Gefühlen anderer (oder der eigenen) auch ein Problem ist, dass erwachsene untereinander oft zeigen. Wodurch oftmals sehr ungesunde Beziehungen entstehen, in denen wenig Verständnis füreinander herrscht und der Umgang alles andere als rücksichtsvoll ist. Das zeigt ja nur, dass das Verhalten, dass uns als Kindern vorgelebt wurde uns nicht nur für die Erziehung unserer eigenen Kinder sondern auch für unsere Beziehungen prägt. Ein sehr erschreckender Gedanke und ich hoffe, dass ich es in der Erziehung meiner Tochter anders machen kann.

    Also, nochmal danke für den Artikel, den ich bestimmt noch mit anderen teilen werde.

    • Liebe Judith,

      ich teile deinen “erschreckenden Gedanken“: Ich bin genau wie du der Meinung, dass wir Erwachsene besonders in unserer deutschen Kultur – quer durch alle Bevölkerungsgruppen – ein Problem haben, unsere Gefühle ehrlich wahrzunehmen und auszudrücken. Das zieht einen riesigen hässlichen Rattenschwanz hinter sich her: Es wirkt sich destruktiv auf unser Körperbild aus, zerstört die Beziehung zu uns selbst und damit zu unseren Mitmenschen. Es trennt, wo wir eigentlich als Menschen so dringend Verbindung bräuchten.

      Ich sehe es deshalb als Riesenchance, die eigenen Kinder als Anlass zu nehmen, mehr über sich selbst, seine Vergangenheit und seine Beziehungen nachzudenken – auch zu sich und insgesamt zur Welt. Genau das ist das Ziel von weltfremd. Ich lade dich herzlich zum Weiterlesen ein. 🙂
      Es ist so wichtig zu fragen: Warum haben wir so ungesunde Umgangsmuster mit unseren Körpern und Gefühlen entwickelt? Und wie wirkt sich das auf jedermanns Umwelt aus? Sehr spannende Fragen. Ich LIEBE diese Fragen. 😀

      Wie auch immer: ganz lieben Dank für deinen ausführlichen Kommentar und die positive Rückmeldung. Ich freue mich darüber!
      Anne

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Ich bin Anne, leidenschaftliche Onlinejournalistin und immerfort lernende Mutter zweier Kleinkinder. Süchtig nach anspruchsvollen Büchern und mit einer Schwäche für ausgezeichneten Schwarztee. Auf meinem Blog WELTFREMD setze ich mich für mehr Mütterlichkeit und eine wärmere Gesellschaft ein. ♥

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