Schuldgefühle als Mama als Papa

Belastende Schuldgefühle bei Eltern: Wo kommen sie her und wie werden wir sie los?

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

Du bist in einer richtig beschissenen Zwickmühle: Du gehörst einer gebildeten Gruppe von Menschen an, die ein ungefähres Verständnis von Entwicklungstrauma hat. Gleichzeitig HAST du dieses Entwicklungstrauma. Gleichzeitig willst du dein eigenes Kind vor Trauma SCHÜTZEN. Und gleichzeitig gerätst du im Alltag mit seinen zig Triggern immer wieder an deine GRENZEN.

Und schwuppdiwupp, ist es da: ein bleischweres Schuldgefühl.

Mit diesen fiesen Schuldgefühlen gibt es in aller Regel ein Problem: Manche Menschen haben null davon. Und andere – ich weiß, dass DU als mein(e) LeserIn davon besonders betroffen bist – haben sie in einem absolut ungesunden und völlig übertriebenen Maße.

Ich habe bereits über Mütter und ihr ewiges schlechtes Gewissen geschrieben, aber ich bekomme so viele Zuschriften zu dem schwerwiegenderen Thema Schuld, das ich noch einiges klarzustellen habe. ♥

Wir schauen uns heute deshalb an:

  • wo diese toxischen Schuldgefühle herkommen
  • wie wir mit ihnen angemessen umgehen können
  • wie wir sie schlussendlich losbekommen
  • inklusive Achtsamkeitsübung und Affirmationen

Hier entlang bitte:

Schuldgefühle als Mama ablegen

Nichts, wirklich NICHTS, hat das Verhältnis zu meinen Kindern, das Verhältnis zu mir selbst, das Verhältnis zum Leben und zu Welt so radikal geändert, wie der Tag, an dem ich bewusst entschieden habe: Ich befreie mich von meinen Schuldgefühlen. Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr. Ich habe keine Schuld.

Klar, du trägst vielleicht einen ziemlich großen Traumarucksack mit dir herum. Und leicht kommt es zu emotionaler oder verbaler Gewalt, wenn dein Kind dich ständig an deinen wunden Punkten trifft. Auch auf unterschwellige, unbewusste Weise reichen wir eine gewisse Portion Trauma weiter. Das ist Fakt.

Aber deshalb brauchst du dir keine Schuld aufladen. Warum?

  1. Diese perfekte, traumafreie Kindheit existiert nicht. Vergiss dieses Ideal.
  2. Du bist NICHT Schuld daran.

Hier ein neues Mindset

Du kannst NICHTS dafür, dass DIR Trauma widerfahren ist. Vielleicht gibst du jetzt ein Stück davon – im abgemilderter Form – weiter? Kann sein. Vielleicht wird das für dein Kind später auch eine Herausforderung sein. Aber DU bist NICHT Schuld. Du hast IMMER alles gegeben. Selbst wenn du vielleicht das Bindeglied einer langen, generationsübergreifenden Traumakette bist.

Aber du darfst gut zu dir sein. Du darfst dir aktiv und bewusst sagen: Ich befreie mich von meinem schlechten Gewissen. Meine Familie und ich, wir machen das Beste daraus.

So ein Traumarucksack kann sehr schwer sein. Wenn wir uns dann noch zusätzlich belasten mit einem bleischweren schlechten Gewissen? Mit diesem schmerzhaften Begriff Schuld? Dann wird unser Rucksack immer immer schwerer. Wie willst du dann federleicht mit deinem Kind durch den Regen tanzen? Gebückt unter dieser tonnenschweren Last?

Verantwortung versus Schuld

Klar ist es immer gut zu schauen, wer trägt für diesen Konflikt oder jenes Problem die Verantwortung? Sicherlich trägt sie der Erwachsene. Und sicherlich ist es schwer, vom Gefühl her zu verinnerlichen, was der Unterschied zwischen Verantwortung und Schuld ist.

Wenn wir von elterlicher Verantwortung sprechen, sollte sie als Chance verstanden werden: Wir haben die Möglichkeit, ehrlich hinzuschauen und unsere kleine Familienwelt aktiv und positiv zu gestalten. Im Rahmen unserer Möglichkeiten.

Wenn dich diese Botschaft aber niederschmettert, weil du doch Verantwortung mit Schuld verwechselst? Dann belastest du dich entweder mit dem Gefühl des Versagens oder du gehst in die Aggression und weist die Verantwortung gekränkt von dir. Beides superunangenehm.

Wer auf letzte Weise reagiert, liest hier sehr wahrscheinlich eh nicht weiter, deshalb richte ich den Rest an dich, die/ der du dich vielleicht mit Versagensgefühlen quälst. Und ich sage dir:

Du hast NICHT versagt

Du hast immer nach bestem Wissen, Gewissen und Gefühl gehandelt.

Dich zu verurteilen führt zu NICHTS. Das führt nicht zu Besserung, weder zu optimalem Handeln, noch zu Friede-Freude-Schokokuchen. Es macht nur alles schwerer. Steig aus aus dem Selbstoptimierungshamsterrad und beginne, freundlich zu dir selbst zu sein.

Ich weiß: Du kannst deine Gedankenwelt, deine Gefühle nicht von heute auf morgen mit alberner toxischer Positivität umkrempeln. Ich bin sehr dagegen, Gefühle – auch welche von Schuld – zu unterdrücken. Ich möchte erbrechen, wenn jemand sagt: „Du musst nur positiv denken!“ Uährg! Aber neben unterdrücken gibt es ja noch eine andere, schönere Möglichkeit: Gefühle regulieren.

Ein Stück weit sind wir eben doch die Macher unserer Gedankenwelt. Unser Gehirn ist plastisch. Wenn wir unseren Handlungsspielraum und unsere Macht anerkennen, können wir uns eine neue Überzeugung krallen, und sagen: So! Ab heute ist es vorbei! Heute verabschiede ich mich von Schuldgefühlen! Ab heute bin ich frei. Ab heute mache ich einfach aus allem das Beste.

(Wenn dir das zu schwer fällt, schieb vorher für eine Woche oder einige Tage eine andere Übung ein: Akzeptiere die Schuldgefühle, weine hemmungslos über den Schmerz, den sie verursachen, und tritt dir mit ehrlichem Mitgefühl entgegen. Es ist okay. ♥)

Mama fühlt sich schuldig gegenüber ihrem Kind Entwicklungstrauma Transgenerationales Traume
Habe ich mein Entwicklungstrauma an mein Kind weitergegeben? Bin ich Schuld daran, wenn mein Kind leidet?

Affirmationen machen Frühjahrsputz im Hirn

Nutze die Kraft von Affirmationen, um dein Unterbewusstsein zu manipulieren.

Kommt dir schräg vor? Aber, mit Verlaub, das tust du eh die ganze Zeit: Du geißelst dich vielleicht immer wieder selbst, indem du Artikel zur perfekten Erziehung oder Nicht-Erziehung liest, um dich dann in Schuld zu baden. Oder weniger dramatisch: Du verurteilst dich innerlich selbst, sprichst sehr streng mit dir und wertest die Fehler, die dir im Alltag passieren VIEL dramatischer und kehrst all deine positiven Leistungen unter den Teppich?

Wie klingt sie denn, deine innere Stimme? Ist sie freundlich und wohlwollend? Oder sagt sie eher: „Scheiße, hast du heute wieder Augenringe! Und die Küche, Mann, sieht die liederlich aus! Nichts kriegst du gebacken!“

Da schau an: Du manipulierst dein Unterbewusstsein ständig negativ.

Also was ist schon dabei, es mal in umgekehrter Form zu versuchen?

Für die Vernunft

Ich schicke dem jetzt eine vernünftige Erklärung voraus: Leute wie du, die bis hierhin gelesen haben – und das garantiere ich dir – haben ein komplett übertriebenes Schuldempfinden. Du kannst 98% davon auf die Halde kippen und hättest noch ein gesundes Maß behalten.

So.

Und jetzt einige Affirmationen, die du dir bitte entweder an den Badezimmerspiegel schreibst oder ausdruckst und an die meist frequentierte Tür deiner Wohnung klebst:

Ich befreie mich von Schuld.

Ich fühle Leichtigkeit auf meinen Schultern.

Ich spreche liebevoll und nachsichtig mit mir selbst.

Ich akzeptiere meine Begrenzung.

Ich bin wertvoll.

Ich mache meine Sache gut.

Ich bin die beste Mama für mein Kind.

Auch wenn ich kleine Traumateile weiterreiche, bin ich wertvoll.

Mein Kind ist stark und fehlertolerant. Es wird ein gutes Leben führen.

Ich gehe in Verantwortung und gebe mein Bestes. Und das ist gut genug.

Selbst an schlechten Tagen – es ist GUT GENUG.

Ich. Bin. Gut.

Affirmationen tun gut

Diese kurzen Mantras sind eine tolle Strategie, um dein Unterbewusstsein zu stimulieren.

Es funktioniert so: Nimm dir einige Sekunden Zeit, richte dich auf oder mach es dir bewusst bequem. Atme achtsam tief ein und aus. Schließ, wenn du magst, deine Augen und sprich dir einige Male am Tag (wie ein Pralinchen für die Seele) vor:

ICH BEFREIE MICH VON SCHULD. ICH BIN LEICHT UND FREI. ICH BIN GUT.

Noch mal tief atmen. Vielleicht bemerkst du direkt ein Lächeln oder eine Weite in der Brust. Nimm alles, was du empfindest, achtsam und ohne zu urteilen wahr.

Weitere Inspirationen

Neben Affirmationen kannst du auch diese Regeln für dich nutzen:

(Aufzählung zitiert nach einem Artikel des Elternmagazins Fritz und Fränzi, Link unten.)

  • „Legen Sie eine Grübelzeit fest“, empfiehlt der Schweizer Psychotherapeut Jürg Kollbrunner. Dafür könne man einmal in der Woche eine halbe oder ganze Stunde Zeit einplanen, in der man sich mit der Schuld hinter dem Gefühl (berechtigt oder unberechtigt) beschäftigt und sich Vorwürfe macht. Doppelt gut: Damit gewinnt man Zeit und erfüllt sich den inneren Wunsch nach Bestrafung. Beurteilen Sie sich dabei rücksichtsvoll. Wie Sie es bei jemand anderem auch tun würden. Und vergeben Sie sich.
  • Fragen Sie sich: „Wer spricht in diesem Schuldgefühl? Wer hat es mich gelehrt?“ Und gestehen Sie sich zu, sich darüber zu ärgern. Haben Sie Verständnis dafür, wagen Sie aber auch die Auseinandersetzung mit den Lehrern und Lehrerinnen – den eigenen Eltern beispielsweise.
  • Notieren Sie sich eigene Übertreibungen und Unsachlichkeiten.
  • Erkennen Sie Ihr Recht an, eigene Interessen wahrzunehmen.

Und zuletzt noch eine wichtige Frage

Wo kommt es eigentlich her, dieses Gespenst, dieses falsche Schuldgefühl, das mit der Realität gar nichts zu tun hat?

Authentische Schuldgefühle entstehen zu Recht: Wenn wir gestohlen, gemordet oder geprügelt haben zum Beispiel. Um die geht es hier nicht.

Es gibt auch Schuldgefühle, die durch falsche Ideale entstehen und solche, die anerzogen sind.

Schuldgefühle durch Ideale

Wenn Mamablogs mit tollen Pastellfotos feiern, wie achtsam und liebevoll sie gemeinsam mit den Kindern backen und spielen, kommt schnell ein Ideal von Eltern-Kind-Bindung hoch, dem in der Realität niemand gerecht wird. Hier ist es leicht zu identifizieren: Ein Familientipp, der als netter Rat gemeint war, wird in unserem gekränkten Innenleben schnell zu einem Vorwurf umgekehrt: WAAAS, du hast dein Kind mit Lob manipuliert? Ihm mit Strafe gedroht? Dein Baby zu wenig gefördert?

Zack! Da ist ein schlechtes Gewissen, das ohne das Internet, den Elternratgeber oder die Familienberaterin gar nicht entstanden wäre. Aber es ist vielleicht nur indirekt entstanden – durch deine innere Umkehrung einer nett gemeinten Aussage?

Womit wir beim nächsten Punkt landen:

Verinnerlichte, anerzogene Schuldgefühle

Wer spricht da wirklich aus deinem Schuldgefühl heraus?

Oftmals sind krankhafte Schuld-, Scham oder Versagensgefühle durch gut gemeinte Erziehungsmethoden entstanden. Manche Mütter sagten früher: „O-o-oh! Wenn du so unartig bist, dann werde ich aber GANZ traurig! Schäm dich!“ Ein Kleinkind, dass diese emotionale Erpressung verinnerlicht, neigt später zu Schuldgefühlen, die in absolut gar keinem Verhältnis zur Realität stehen. (Mehr zu toxischer Scham gibt es hier.)

Wenn du dann später selbst als Mutter Schuld fühlst, dich als Versagerin, als böse Traumaüberbringerin fühlst, kann die Ursache darin liegen, dass du innerlich noch immer den Liebesentzug einer Bezugsperson fürchtest. Eine tief sitzende Daseinsscham oder -schuld quält außerdem oft Menschen, die ganz zu Beginn ihres Lebens ungewollt waren.

Könnten solche Traumatisierungen die Ursache für deine belastenden Gefühle sein? Vielleicht magst du dir dieses Anliegen in einer Selbstbegegnung nach IoPt anschauen? Schreib mir gerne an anne@weltfremd.net ♥

Deshalb noch mal Klartext:

DU BIST WERTVOLL. Selbst WENN du versagtest. Selbst WENN du hässlich wärst. Selbst WENN du eine suboptimale Mutter wärest. Aber das bist du alles NICHT.

Übertriebenes Schuldgefühl ist ein Symptom dafür, dass du selbst früher durch klassische Erziehung geschädigt wurdest. Ein pädagogisches System, das auf Lob/ Belohnung und Strafe setzt, ist ein ein Bedingungen geknüpftes System. Es vermittelt dem Kind: Du wirst nur dann geliebt, wenn du die Bedingungen XY erfüllst.

Du darfst das ablegen. Du darfst dir Fehler erlauben. Du darfst dir Begrenztheit erlauben. Du darfst dich geliebt und wertvoll fühlen.

Wenn ich Fehler mache? Dann sag ich nachher von Herzen: Es tut mir leid! Ich hab heute einen schweren Tag. Morgen ein neuer Versuch. Und fertig. Okay?

Sei nett zu dir. ♥

Ich grüße dich von Herzen

Deine Anne

PS: Kennst du noch andere Eltern, die Schuldgefühle plagen? Leite ihnen doch gerne diese Gedanken weiter, auf dass auch sie ein wenig leichter werden.

Mehr davon:

Textquelle:

Avanzini, Jana: Schuldgefühle: Ballast auf der Seele, Das Schweizer Elternmagazin Fritz und Fränzi: https://www.fritzundfraenzi.ch/erziehung/elternbildung/schuldgefuhle-ballast-auf-der-seele?page=all

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

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Comments (4)

  • Liebe Anna, wieder ein super Beitrag. Es ist manchmal sehr hilfreich und auch ratsam, dass man sich beim Aufspüren und der Bewältigung solcher Themen, die ja unter dem Bewusstseinsradar sind, Hilfe holt. Es ist einfach leichter.
    Genau dafür bin ich da…mit federleichter Beratung. Iris Kaufmann, Federleicht Beratung

    • Ganz lieben Dank für deine Wertschätzung!
      … und großartig, dass es Leute wie dich gibt, die den Menschen bei diesen Themen zur Seite stehen!
      Alles Liebe für Dich, Anne

  • Ich lese so gerne hier, und fast jedes mal stehen mir hinterher die Tränen in den Augen. Ich will für meinen Sohn die beste Mama sein, und dann sind da so viele Zweifel..
    Und wie mir hier auch die Augen geöffnet werden.. Was in meiner Kindheit möglicherweise schief gelaufen ist und was ich jetzt alles auf meinen kleinen Schatz übrtrage… Und so viele Fallen… Strafe, belohnung, Drohungen, teilweise völlig automatisiert ohne darüber nachzudenken… aber seitdem ich mich bemühe es anders zu machen, ist unser Alltag so viel entspannter.. es ist unglaublich, was so Kleinigkeiten bewegen können.. Ist es anstrengend? Ja, aber das ist es auf jeden Fall wert!
    Diese Seite ist wirklich unglaublich hilfreich. Bitte unbedingt weiter machen!
    Danke für so viele erhellende Worte!

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Ich bin Anne, leidenschaftliche Schreiberin und immerfort lernende Mutter zweier Kinder. Süchtig nach anspruchsvollen Büchern und mit einer Schwäche für ausgezeichneten Schwarztee. Auf meinem Blog WELTFREMD setze ich mich seit 2019 für friedvoll-authentische Elternschaft ein und kläre über Entwicklungstrauma auf. ♥

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