Artgerechtes Leben als Familie – weniger Stress im Alltag

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

Bereits vor einer Viertelstunde wolltest du mit den Kindern im Auto sitzen. Pünktlich beim Kinderarzt anzukommen, wird langsam aber sicher ein Ding der Unmöglichkeit. Deine Tochter hat immer noch nicht die Schuhe angezogen, dein Sohn sitzt noch auf Toilette. Deine Schultern spannen sich an, die Stirn liegt in Falten, der Blick ist verengt.

Zwanzig mal hast du sie nun schon gebeten, sich endlich anzuziehen und nebenher die wichtigsten Sachen eingepackt. Wohl weißlich vor einer halben Stunde angefangen, sie zu fragen: Möchtet ihr noch was essen? Was wollt ihr mitnehmen? Zieht euch bitte schon mal an! Und trotzdem sind sie wieder da: Zeitdruck, Anspannung, Stress!

Kennst du? Dann lies weiter.

In diesem Artikel erfährst du:

  • Warum du unter Stress nicht erziehen kannst
  • Warum wir als Menschen nicht artgerecht leben und was das mit deiner Familie macht
  • Wie Achtsamkeit helfen kann, Stress in Schach zu halten
  • Wie du deinen Alltag entlastest, um gelassener zu erziehen

Auf geht’s.

Wie unser Denken und Handeln normalerweise funktioniert

Hinter der Stirn sitzt dein präfrontaler Kortex, auch bekannt als dein Verstand. Ein tolles Ding! Kleinkinder haben in Wutanfällen, Weinkrämpfen und unter Angst keinen Zugriff darauf: Sprache kommt nicht an, Denken unmöglich.

Wie funktioniert der Verstand und kluges Handeln bei dir Erwachsenen normalerweise?

Dein sensorisches System empfängt durch Sinneseindrücke eine Botschaft. Der Verstand bewertet die Information – ist sie gefährlich oder nicht? – und veranlasst eine entsprechende Reaktion.

Beispiel: Dein Kind klettert über einen Hocker aufs Sofa. Das sensorische System (deine Augen in dem Fall) erkennt das Bild des kletternden Kindes. Dein präfrontaler Kortex bewertet: alles gut, ungefährlich. Die Reaktion: Du lächelst dein Kind aufmunternd an und räumst dann weiter die Wäsche auf.

Was bei Stress anders läuft

Eine ähnliche Situation könnte unter Stress allerdings mit einer ganz anderen Reaktion ablaufen. Kommen wir zum Eingangsbeispiel: Wenn du dich seit 45 Minuten innerlich stresst, weil du unter Trödeleien deiner Kinder befürchtest, zu spät zum Kinderarzt zu kommen, dann läuft in deinem Körper ein Stressmechanismus ab, der den klugen Denkvorgang von eben ausschaltet. Die Reaktion auf eine Warum-Frage ist dann vielleicht ein lautes Schimpfen: „ZIEH DICH ENDLICH AN, WIR KOMMEN ZU SPÄT!“, statt einer kurzen Antwort.

Denn Stress hat im Körper Vorrang! Warum? Wär’s auf entspannte Weise nicht leichter?

Sicherlich wäre es in unserer heutigen Realität gemütlicher, wenn der Körper dem Verstand Vorrang gäbe und unsere Genervtheit, Hektik und Anspannung damit ausgeschaltet würden. Was hätten wir für gute Laune, für entspannte Kinder und für einen glücklichen Alltag!

Aber gemütlich und entspannt hieße schlicht: Es gäbe uns nicht. Unsere steinzeitlichen Vorfahren wären ausgestorben. Noch in erster Generation.

Stress hatte in der Steinzeit – und in vielen heutigen Situationen immer noch – einen entscheidenden Vorteil: Der sogenannte Flucht- oder Kampfmodus sicherte unser Überleben!

Säbelzahntiger und schnelle Autos

Wenn ein Säbelzahntiger um die Ecke schlich, hatten wir keine Zeit für den entspannten Denkvorgang. Auch wenn dir plötzlich ein Auto an der Kreuzung die Vorfahrt nimmt: Dann ist eine superschnelle Flucht- oder Kampfreaktion gefragt. Dein Körper braucht SOFORT Adrenalin, um zu überleben. Wenn du erst denkst: Okay. Wie schnell fährt er. Was wäre die Konsequenz, wenn … Kann der nicht auch bremsen, etc. Dann knallt es auch schon. Du musst einen Riesenschreck bekommen und reflexhaft auf die Klötzer treten! Nur so schützt du dich vor einem Unfall. Oder einem Säbelzahntiger.

Das Problem ist nur: Zu spät zum Arzt zu kommen oder ein umgefallenes Saftglas sind keine lebensbedrohlichen Situationen. Sie fühlen sich mitunter im Alltag – was dein Stresslevel anbelangt – allerdings genauso an.

Der Vorteil des kämpfenden oder flüchtenden Steinzeitmenschen ist es, dass er sich zum Überleben notgedrungen bewegen muss. Und wie! Entweder ein Gemetzel oder ein Sprint folgen. Durch diese Bewegung wird der Stress (also Hormone, wie Adrenalin und Kortisol) im Blut abgebaut. Wenn du im Stau stehst und die Krise kriegst, weil die Schwiegermutter wartet, dann hast du Adrenalin und Kortisol zwar im Blut und fühlst dich wie unter Lebensgefahr – die körperliche Belastung bleibt aber aus. Du sitzt ja nur im Auto! Also bleiben die fiesen Stresshormone.

Dauerstress kann entstehen.

Die Folgen für deine Familie

Dauerstress – das kannst du dir sicher auch alleine denken – ist ein absoluter Killer für deine Gesundheit, dein Gehirn, die Beziehung zu deinem Kind. Denn Stress lässt uns überreagieren, meckern, nörgeln, macht uns unzufrieden, ungeduldig, kurz: unausstehlich. Ergo: zu schlechten Eltern.

Warum das?

  • Unter Stress kannst du nicht mehr vernünftig denken (präfrontaler Kortex unzugänglich)
  • Du kommst überhaupt nicht mehr runter (dauerhaft Stresshormone im Blut)
  • Du gibst deinem Kind die Schuld: „Du bist unmöglich!“, denn unter Stress siehst du dein Kind nachgewiesenermaßen negativer, als es objektiv ist
  • Durch die Überreizung springt dein Alarmsystem häufiger an – ein Teufelskreis entsteht
  • Du wirst vergesslich: „Wo hab ich schon wieder das verdammte Handy hingelegt?“
  • Dein Mitgefühl ist unter Stress gedrosselt (schließlich muss entweder der Säbelzahntiger sterben oder du, ob er nun Babys hat oder nicht): „Heul nicht rum! Stell dich bitte nicht so an, da war gar nichts! Das tut doch nicht weh!“
  • Du kannst keine Ziele mehr setzen, glaubst nicht mehr an dich und fühlst dich ausweglos gefangen in deinen Problemen
  • Im schlimmsten Fall drohen körperliche Krankheiten, Burnout oder Depressionen

(Aufzählung vgl.: Nicola Schmidt: Erziehen ohne Schimpfen, S.20.*)

Du siehst schon: Das sollte möglichst vermieden werden.

Stress zieht nachweislich eine schlechtere Erziehung nach sich: Im Urlaub, wenn die ganze Familie entspannt ist, merkst du, dass auch die Kinder „funktionieren“. Im Alltag, wenn du überfordert bist, werden sie scheinbar frech.

Wenn wir dauerhaft Stress haben, wird Erziehung schwierig, weil wir auf wichtigen erzieherischen Feldern blockiert sind: Mitgefühl, Geduld, Planung, Konzentration, Nachsicht.

Schmidt, S. 23.*

Bist du anhaltend gestresst, prägst du dein Kind schon ab der Schwangerschaft: die Genstruktur deines Kindes passt sich an. Es spürt: Ah, draußen ist es gefährlich, also passe ich mich mit meinem Stresssystem an. Das nennt man Epigenetik – diese Genveränderung vererbt sich. Großmutters Stress kann dich deshalb bis heute beeinflussen.

Was also ist die Lösung?

Nimm Anspannung und Entspannung selbst in die Hand! Zwar ist dein inneres Stresssystem epigenetisch vorgeprägt, das heißt aber nicht, dass du machtlos bist.

Um zu verstehen, wie wir der Epigenetik ein Schnippchen schlagen können, hier noch ein Blick auf die Umstände, die Dauerstress von vornherein verhindern: ein artgerechtes Menschenleben.

Artgerecht Menschsein

Wir Menschen sind nicht für den Großstadtdschungel geschaffen. Wir sind nicht für das Leben in Innenräumen, für Bildschirme und tagelanges Abcouchen gemacht. Aber viel weniger sind wir darauf angelegt, in Mutter-(Vater)-Kind-Isolation zu verbringen!

Moderne Zeiten? Ist unser Familienleben artgerecht? In anderen Kulturen ist man oft mit Kindern viel nachsichtiger als bei uns. Und die Eltern haben viel mehr Hilfe – im Haushalt, im Alltag und bei der Erziehung. Wir leben in materieller Sicherheit, gleichzeitig aber in großer Armut: Wir haben zu wenig Zeit, zu wenig Unterstützung und oft zu wenig Ruhe.

Schmidt, S.47.*

Woher weiß die Wissenschaft, was artgerecht für uns ist?

Ganz einfach: Sie schaut sich unsere Vorfahren an. Bis in die 1970er Jahre haben die !Kung San (ein Wüstenvolk aus Afrika) relativ artgerecht gelebt – nämlich auf die Weise, wie es unsere Vorfahren viereinhalb Millionen (!) Jahre lang als Jäger und Sammler taten. (Zum Vergleich: Unsere Zivilisation gibt es erst seit ca. 3.000 Jahren – unsere digitalisierte, von Verkehr und Industriekapitalismus durchzogene Welt existiert erst seit ca. 200 Jahren.)

Die !Kung San gelten als überaus friedlich, glücklich, gelassen und ruhig. Als Eltern werden sie als endlos nachgiebig und geduldig beschrieben. Das Gegenteil von unserer im Hier und Jetzt gepriesenen Erziehung.

Bei den !Kung sollen Kinder in erster Linie spielen – niemand erwartet von einem Kind unter 14 Jahren, dass es den Erwachsenen regelmäßig hilft oder nennenswert zum Haushalt beiträgt. Die Aufgabe der Kinder besteht in erster Linie darin, SPIELEND das Erwachsenenleben zu üben. […] sie haben eine relativ sorgenfreie Kindheit.

Schmidt, S. 49.*

So viel zu den Kindern. Das Paradies also. Aber wie schaffen die Eltern das?

Sie sind nie alleine! Sie kennen keine Anonymität. Sie arbeiten wenn überhaupt vier Stunden am Tag. Keine Mutter ist gezwungen, mit zwei müden Kleinkindern durch den Supermarkt zu hetzen. Traditionelle Völker leben stattdessen in Gruppen aus mehreren Familien zusammen, die sich gegenseitig gut kennen, sich helfen und unterstützen, miteinander jagen und kochen, sich gemeinsam um Kinder und Alte kümmern.

Viereinhalb Millionen Jahre lang lebten die Menschen so.

Heute haben wir uns von diesem Paradies meilenweit entfernt und Gemeinschaft, Frieden und Achtsamkeit gegen 50-Stunden-Woche, Vereinzelung und Konsumismus eingetauscht.

Wie können wir artgerecht leben?

Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.

Afrikanisches Sprichwort.

Dir ist alles zu viel?

Um es mal drastisch, aber treffend zu formulieren: Wenn du mit deinem Baby den ganzen Tag zu Hause alleine verbringst, ist das für dich eigentlich unzumutbar. Wenn du mit zwei Kleinkindern alleinerziehend um die Runden kommen musst, ist das im wahrsten Wortsinn unerträglich. Wenn du ohne die Hilfe von Onkeln, Omas und Freunden den Alltag, deine Partnerschaft, den Haushalt wuppen sollst – kein Wunder, dass du überfordert und gestresst bist!

Übrigens…

Auch die !Kung-Eltern können mal die Nerven verlieren

In den 1980er Jahren hatte ihr nomadisches Leben ein Ende (ihre Jagdgründe gingen verloren). Die gezwungene Sesshaftigkeit brachte Ziegenmilch und Getreidebrei mit sich, deshalb stillten die Mütter ihre Kinder weniger und kürzer. Und dies wiederum hatte kürzere Geburtenabstände zur Folge.

Was heißt kurz?

Das kann jetzt ein Schock für dich sein:

Ein Abstand von weniger als vier Jahre gilt hier als kurz. Als nicht artgerecht.

Heftig.

Seit die !Kung San durch kürzeres Stillen innerhalb von weniger als vier Jahren gebaren, war zu beobachten, wie ihre innere Ruhe flöten ging, sie schimpften oder die Kinder harsch ermahnten.

Auf unsere heutige Kultur angewandt bedeutet dieses ethnologische Wissen:

Unsere moderne Kleinfamilie leidet an zu wenig Gemeinschaft, zu wenig frischer Luft, zu kurzem Stillen, zu kleinen Geburtenabständen, zu viel Verkehr, zu viel Lärm, kurz: zu viel Stress.

Bevor du nun denkst: Gut und schön, aber das kann ich nicht ändern, schauen wir uns an, welchen Handlungsspielraum du trotzdem hast, um Stress einzudämmen.

Perfektionismus ade!

Der erste und wichtigste Punkt, um Stress abzubauen, ist, den verdammten Perfektionismus über Bord zu werfen.

Dein Kind ist nicht perfekt. Du bist nicht perfekt. Dein Partner ist nicht perfekt. Eure Erziehung ist nicht perfekt. Die Gesellschaft ist nicht perfekt. Aber na und? Dann ist es eben so!

Ob dein Baby von Monat XY an soundsoviel Gramm Brei isst, ob dein Fünfjähriger Flötenunterricht und Fußballtraining rockt, ob du die Haare zum Elternabend ordentlich geföhnt hast, ob deine Zweijährige heute Abend die Zähne putzt und morgen Mittag Gemüse isst, ob du den Sportkurs noch gegen den Bauchspeck unter bekommst – scheiß doch drauf!

Tabellen, Erziehungsdogmen, Pläne, Ansprüche – das sind riesenmegaultragroße Stressfaktoren. Die killen dich, die Atmosphäre in deiner Familie und die Beziehung zu deinem Kind.

Schreib deine Ansprüche auf einen Zettel und verbrenn ihn unter Musik und mit einem Glas Sekt am Lagerfeuer. Oder vergrab ihn im Wald, damit die Würmer ihn zerfressen. Weg damit.

Stattdessen sag dir: Du, dein Kind, deine Familie. Ihr seid genau so richtig und gut, wie ihr seid. Punkt.

Achtsam Elternsein

Um deine Ruhekiller und Stressfaktoren ausfindig zu machen, ist es zunächst wichtig, achtsam zu beobachten, wann und wie du überhaupt in innere Unruhe und unter Druck gerätst. Sicherlich beobachtest du dein Kind gut und weißt, was ihm guttut, was im zu viel wird, worauf es negativ reagiert. Aber weißt du es auch bei dir? Wie gut bist du zu dir selbst? Weißt du, warum du scheinbar grundlos ausflippst, wenn die Soße auf den Teppich kleckert?

Niemand flippt grundlos aus. Wut sammelt sich, staut sich an, Genervtheit hat ihren Grund. Dein Kind, dein Partner, der Stau sind meist nur Auslöser.

Eine tolle Anleitung für Achtsamkeit in Hinblick auf Stressursachen findest du im Buch von Nicola Schmidt Erziehen ohne Schimpfen*. Hier lernst du, wie du mit kurzen Meditationen, besserer Selbstwahrnehmung und neuen Gewohnheiten gut für dich selber sorgen kannst, um den Alltag in der Familie entspannter zu gestalten.

In der Zeit mit meinen zwei Kleinkindern hat mir dieses Buch den Arsch gerettet. (Und damit auch meinen Kindern!)

Sich ständig nur in Selbstbeherrschung zu üben, bringt nichts. Irgendwann flippst du trotzdem aus oder der innere Druck macht dich krank. Das ist keine Alternative. Du willst schließlich einen glücklichen Alltag. Der entsteht nicht durch zusammenreißen und freundlich tun.

Setz dich hin und schreib dir auf, in welchen Situationen du in den letzten Tagen überreagiert hast. Schreib dazu, wie du dich davor gefühlt hast, welche Umstände herrschten. Situationen im Nachgang schriftlich festzuhalten, kann dir beim Reflektieren helfen. Es sortiert den Kopf und verschaltet die Synapsen im Gehirn neu. Dadurch brichst du gedankliche Sackgassen auf und kannst viele alltägliche Probleme lösen. Denn du hast sie nicht mehr subjektiv im Kopf, sondern kannst sie von oben herab auf dem Papier anschauen. Das macht psychologisch einen großen Unterschied.

Ein Beispiel

Mir ging es einmal vorher so: Meine Tochter war frech und aufmüpfig und ich entsprechend unwirsch und unzufrieden. Viel Zoff, viel Streit, viel dicke Luft.

Nach zwei Tagen aufmerksamen Beobachtens und Notierens stellte ich fest: Mein perfektionistischer Anspruch war das Problem. Meine Tochter war in 95% Prozent der Zeit kooperativ. Ein ganz normales, liebes Kind.

Meine Wahrnehmung ist einfach falsch gewesen: Ich habe in Gedanken das Negative gepusht und das viele Gute übersehen.

Nachher war mein Kind zwar dasselbe, unser gemeinsames Leben jedoch deutlich schöner.

Wie geht es dir?

Frühzeitig und ehrlich wahrzunehmen, wie es dir geht, ist nicht nur in Bezug auf deine Erziehung Gold wert. Davon profitieren auch alle anderen zwischenmenschlichen Beziehungen. Mach ein paar Tage lang dieses Experiment ca. 3 bis 4 mal:

  • Stehen/ sitzen bleiben.
  • Optional: Augen schließen.
  • Dreimal ganz tief und bewusst ein- und ausatmen.
  • Dich fragen: Wie geht es mir gerade?
  • In ein oder zwei Sätzen (innerlich) antworten: Ich bin angespannt/ wütend/ froh/ ausgeglichen/ überfordert/ zerrissen/ genervt/ melancholisch/ besorgt/ aufgeregt/ ungeduldig/ glücklich. Oder auch: Ich genieße./ Meine Schultern sind hart./ Meine Augen brennen./ Ich will lachen./ Ich will weinen./ Ich fühle mich klein. Etc.

Es gibt immer eine kurze Antwort. Ein Mensch kann psychologisch gesehen nie nichts fühlen. Wenn du nichts fühlst, dann sind die Gefühle trotzdem da. Deine Wahrnehmung ist nur flöten gegangen. Dann ist die Übung wie für dich gemacht.

Achtsamkeitsübungen dauern oft nur ein paar Minuten. Nimm dir die Zeit. Es wird sich lohnen. Diese Selbstfürsorge vernetzt die Schaltkreise in deinem Gehirn neu und braucht manchmal nur drei Minuten bewusstes Atmen. Neurotransmitter, Synapsen und elektrische und chemische Reize im Kopf brauchen manchmal einfach einen „Neustart“ – dann laufen sie wieder rund. Weitere hilfreiche Übungen und kleine Alltagsmeditationen findest du bei Nicola Schmidt in Erziehen ohne Schimpfen.*

Alltag entlasten

Als nächstes schau dir dein Familienleben an und überleg dir, wo du rein praktisch Stress reduzieren kannst.

  • Wo kann der Alltag entrümpelt werden? Wo sind die fiesen Stressmacher versteckt? Welche Personen hinterlassen ein ungutes Gefühl bei dir? Welche Termine erzeugen Druck? Welche Abläufe erzeugen wiederkehrend Spannungen in der Familie? Schreib das auf und staune, was das allein in dir bewirkt.
  • Bau dir ein Dorf. Das afrikanische Dorf, das es braucht, um ein Kind zu erziehen, gibt es in unserer Kultur leider nicht mehr. Aber es gibt Nachbarn, Familie, Freunde und öffentliche Angebote. Klar, ist es schwer, sich zu öffnen! Du befürchtest Zurückweisung oder ihr habt Angst, als unfähige Eltern dazustehen. Aber hier gilt: Wir sitzen in Wirklichkeit alle im gleichen Boot. Zusammen mit anderen Familien entstehen Spielgruppen, Haushaltstreffs, Fahrgemeinschaften und Spielzeugbörsen. Trau dich und alle werden profitieren.
  • Sag empathisch Nein. Wenn es dir schwer fällt Nein zu sagen – egal ob anderen Erwachsenen gegenüber oder zu deinem Kind – dann kannst du in Wahrheit nur nicht Ja zu dir selber sagen. Trau dich! Ohne Rechtfertigungen, Ausreden oder schlechtes Gewissen, ja zu dir selbst zu sagen.
  • Konflikten vorbeugen. Die einfachste und angenehmste Prävention von Streitereien ist schlichtweg Spielen und Toben. Fünf Minuten mit deinem Kind zu raufen, bevor du es anziehst, macht auch dir mehr Spaß als fünf Minuten lang zu betteln und zu zetern, eh die Hose endlich über den Hintern gezogen ist. Wo kannst du mehr Bewegung, Spiele und Spaß in deinen Alltag einbauen?
  • Gönne dir Routinen. Regelmäßigkeiten, Rhythmen und Listen entlasten dein Gehirn und nehmen Druck und Hektik aus dem Alltag. Es heißt immer, Kinder bräuchten Routinen, aber die Wahrheit ist: Dein Kind kommt auch ohne aus. Dir selbst aber geben sie Ruhe und Sicherheit, die du auf die ganze Familie ausstrahlst.
  • Hilfe annehmen. Ja, dieser Punkt hat einen ewig langen Bart. Aber tu es endlich. Wenn jemand Hilfe anbietet, dann nimm sie an.

Die entspannte Familie

In entspannten Familien herrscht ein grundsätzlich positives Menschenbild:

Wenn du davon überzeugt bist, dass dein Kind vom Wesen her gut ist – was die aktuelle wissenschaftliche Forschung bestätigt – dann gelingt dir der Alltag auch leichter. Du siehst dein Kind positiv, schimpfst weniger und du entspannst dich auch, wenn mal Trotz,Tränen, Ungehorsam und Chaos guten Tag sagen. Du vertraust darauf, dass dein Kind von selbst bemüht ist, zu dem besten Erwachsenen heranzureifen, der es sein kann.

Siehst du dein Kind aber als dein Erziehungsprojekt, das Manieren und Benehmen lernen muss, weil sonst aus ihm ein gieriger, flegelhafter Tyrann wird, dann bewertest du schlechte Kleinigkeiten viel ernster, größer, dramatischer, als sie sind und schaffst damit neue Konflikte. Hört dein Kind ständig: „Du bist aber frech!“, dann passt es unbewusst sein Verhalten daran an und wird deine Prophezeiung über kurz oder lang erfüllen.

Mehr zu unbewussten Übertragungen auf die Psyche deines Kindes liest du hier: Hör auf, eine gute Mutter sein zu wollen!

In beide Richtungen gibt es entweder eine Aufwärtsspirale oder einen Teufelskreis. Du kannst selbst wählen, welchen du bevorzugst.

Lass dir sagen: Dein Kind ist gut. Dein Kind ist wunderbar. Dein Kind ist mit seinen Ecken und Kanten ganz normal und liebenswert.

Du übrigens auch.

Entspannte Grüße

Deine Anne

PS: Du findest noch andere Mütter und ihre Kinder ganz wunderbar? Dann teile diesen Artikel doch mit ihnen und verbreite damit den Anti-Stress-Spirit. 🙂

Literatur:

Schmidt, Nicola: Erziehen ohne Schimpfen. Alltagsstrategien für eine artgerechte Erziehung. München 2019.*

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Achtsame Eltern, Alltag entlasten, Artgerecht leben, Entspannte Kinder, Weniger Schimpfen, Weniger Stress in Familie

Comments (14)

  • Dieser Tag schrie geradezu nach so einem Artikel. Manchmal braucht es eben ein oaar Worte eines Fremden um wieder auf Kurs zu kommen. Und das wirklich wichtige wieder in den eigenen Fokus zu rücken. Herzlichen Dank dafür!!

  • wow! Der Artikel kam wie gerufen. Ich hab das Gefühl du hättest ihn für mich geschrieben. ☺️
    Danke für die aufbauenden Worte und wertvollen Tipps! Ich werd mir den Artikel sicher noch öfter durch lesen und hoffe einiges umsetzen zu können.
    Super geschrieben!!! Liebe Grüße

    • Das hab ich ja auch. 😀
      Ich freue mich von Herzen, dass er dich inspiriert. Und besten Dank für deinen lieben Kommentar.
      Alles Gute dir.
      Anne

  • “Es heißt immer, Kinder bräuchten Routinen, aber die Wahrheit ist: dein Kind kommt auch ohne aus.” Den Satz kann ich endlos feiern! Danke deinen so wahnsinnig tollen Artikel mit so viel Gutem in der Kürze!

  • Liebe Anne,
    Auch ich möchte dir herzlich für deinen Artikel danken. Normalerweise schreibe ich keine Kommentare, aber diese Zeilen berühren mich wirklich sehr. Wer wünscht sich nicht so eine ausgeglichene Familie? Meine Tochter soll ADHS haben- gibt’s das überhaupt… oder sind doch immer die Eltern schuld… ich weiß es nicht. Momentan weiß ich nicht was in der Erziehung wirklich richtig ist und dein Artikel schenkt neue Kraft durchzuatmen und es einfach mit mehr Ruhe zu versuchen. Ich werde deine Tipps auf jedenfall ausprobieren.
    Liebe Grüße Anna-Lena

    • Liebe Anna-Lena,
      danke für deinen Kommentar.
      Es klingt so, als ob bei euch aktuell viel Unsicherheit und Kräfte zehrende Herausforderungen den Alltag bestimmen. Das tut mir wirklich leid. Ich habe über dieses Reizthema ADHS auch schon dermaßen unterschiedliche Literatur gelesen … puh. Da weiß man kaum, was man glauben soll.
      Wovor ich aber dringend warnen würde, ist dich mit dem Thema „Schuld“ zu belasten. Das kotest dich noch so viel mehr Kraft, die du gut woanders gebrauchen könntest. Sei in der Hinsicht bitte liebevoll und nachsichtig mit dir selbst. Auch wenn wir alle Fehler machen – wir sind erstens nur Menschen, wir unterliegen zweitens noch in massiver Weise den Dynamiken unserer Ursprungsfamilien und wir handeln in jedem Moment immer auf die uns beste mögliche Weise. Wenn wir an einem bestimmten Punkt in unserem Leben Dinge tun, die wir im Nachgang negativ bewerten, dann kann das sehr belasten. Aber gerade wir Eltern wollen wirklich wirklich wirklich immer nur das Beste für unsere Kinder. Wir können nicht mehr tun, als uns bemühen. Zwar sind wir immer VERANTWORTLICH, aber SCHULD – das ist echt ein hartes Urteil. Das tu dir nicht an.

      Vielleicht findest du auf weltfremd noch ein paar andere Inspirationen gegen Erziehungsdruck und das fatale Mutterideal, immer alles richtig machen zu müssen. In der Kategorie Mutter sein habe ich ein paar Dinge gesammelt. Vielleicht lesen wir bald wieder voneinander.

      Ich wünsche dir und deiner Familie alles Liebe, und ich bin mir sicher: Deine Tochter ist genau so, wie sie ist, goldrichtig. ♥
      LG Anne

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Ich bin Anne, leidenschaftliche Onlinejournalistin und immerfort lernende Mutter zweier Kleinkinder. Süchtig nach anspruchsvollen Büchern und mit einer Schwäche für ausgezeichneten Schwarztee. Auf meinem Blog WELTFREMD setze ich mich für mehr Mütterlichkeit und eine wärmere Gesellschaft ein. ♥

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