Identitätsorientierte Psychotraumatherapie IoPt

FAQ: Häufig gestellte Fragen zur Selbstbegegnung nach IoPt (Identitätsorientierte Psychotraumatheorie und -therapie)

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

In den vergangenen Erstgesprächen zeigte sich, dass die meisten Interessierten ähnliche Fragen haben. Ist deine Frage auch dabei? Wenn du wissen willst, ob die Chemie zwischen uns stimmt und/oder du weitere Fragen hast, dann melde dich zum Erstgespräch über anne@weltfremd.net an.

Vorab: Die folgenden Informationen beziehen sich auf die Art und Weise, wie ICH Menschen nach IoPt begleite. Der Stil und die Regeln unterscheiden sich bei den einzelnen Begleitern und Begleiterinnen ein wenig. Diese Antworten sind also keine in Stein gemeißelten Gesetze, sondern mein persönlicher Stand der Dinge.

Mein Herzenstipp: Wähle deine IoPt-Begleitung sorgsam aus – die Selbstbegegnung setzt Vertrauen und ein gutes Gefühl gegenüber deiner BeraterIn/ TherapeutIn voraus.

Hier also die meist gestellten Fragen zur Selbstbegegnung nach Anliegenmethode der IoPt:

Was ist eigentlich die Identitätsorientierte Psychotraumatherapie (IoPt)?

Die Identitätsorientierte Psychotraumatheorie und -therapie ist m.E. absolut genial. Der Begründer Franz Ruppert hat das Phänomen Resonanz/ Stellvertreter (gängiges Werkzeug in verschiedenen Therapie- und Coachingformen) der modernen Traumaforschung übergestülpt und ein präzises Instrument erschaffen, um frühe Bindungsverletzungen aufzuspüren und zu integrieren. (Resonanz erkläre ich weiter unten.) Das Werkzeug der IoPt ist die Selbstbegegnung (Anliegenmethode). Damit schaut sie über Resonanz deine innerpsychischen Anteile an. Pro Sitzung gehen wir mit zwei bis drei deiner Anteile in den Dialog. Wir stellen damit symbolisch deine Innenwelt auf.

Die Theorie hinter der Methode ist – sehr vereinfacht gesagt – folgende:

  • Was ist Psychotrauma? Ein Ereignis, das unser System überfordert, zwingt die Psyche, sich aufzuspalten in verschiedene Anteile. Ein solches Ereignis ist umso gravierender, je früher es stattfindet. Denn je kleiner wir sind, umso verletzlicher ist unser gesamter Organismus (Körper UND Psyche). Überwältigende Ereignisse von der Zeugung bis in die Kindheit hinein sind nicht nur Krieg, Vergewaltigung und Prügel. Das können z.B. auch sein: fehlende Bindung zu den Eltern, Betäubungsmittel in der Schwangerschaft, Nicht-gewollt-sein, emotionaler Missbrauch. Frühe Bindungsverletzungen sind für einen Menschen traumatisch. Manchmal kommt es bereits im Mutterbauch zu einer solchen Spaltung (pränatales Trauma). Von unserem Bewusstsein her können wir so frühe Traumatisierungen nicht integrieren. Mehr dazu in: Zusammenhang zwischen Trauma, Überlebensstrategien und Trigger oder in: Was ist ein Entwicklungstrauma?
  • Die Zeit heilt alle Wunden? Mitnichten! Unbehandelt bleibt Traumaspaltung lebenslang bestehen. Das gilt sowohl für einzelne Individuen, als auch für ganze Gesellschaften und die Generationenfolge. Transgenerationale Traumatisierungen (Verstrickungen, Fremdgefühle etc.) werden solange von den Eltern an die Kinder weitergereicht, bis jemand sie aufspürt und integriert.
  • Was heißt IDENTITÄTSORIENTIERT? Es wird zwischen traumabedingter Identifizierung (mit der Mutterrolle, dem Fußballverein, dem Vaterland, als cooler Rebell etc.) und der wirklichen Identität unterschieden. Der Prozess der IoPt führt uns weg von Ersatzidentifizierung hin zu unserem ICH. Zwei Kernfragen lauten: Wer bin Ich? Und: Was will ich?
  • Persönlichkeitsmodell: Unser System besteht sowohl aus gesunden Anteilen als auch aus Trauma- und Überlebensanteilen. Die abgespaltenen Anteile können nicht reifen. Sie bleiben entwicklungsmäßig stecken und beeinflussen unser Verhalten, unsere Gesundheit, unsere Beziehungen, unsere eigenen Kinder, unser gesamtes Leben. Die dem Bewusstsein unzugänglichen Persönlichkeitsanteile schauen wir in der Selbstbegegnung an. Ein eindrückliches Beispiel für ein frühes Trauma, das in einem Gruppenprozess zum Vorschein kam, kannst du hier nachlesen.
  • Die IoPt betrachtet Körper und Psyche als ein einziges, zusammenhängendes System, und schaut deshalb auch körperliche Krankheiten in Hinblick auf transgenerationale und frühe Traumatisierungen an. Die wissenschaftliche Forschung über den Zusammenhang von körperlichen Erkrankungen und Kindheitstrauma stellt ein Bundesgesundheitsblatt toll dar, was ich euch inkl. Podcastinterview zum Thema hier verlinkt habe: Trauma und Krankheit.
  • Der Vorteil der IoPt gegenüber klassischen Therapieformen ist: Wir kommen ehrlich und vom emotionalen Grund auf – NICHT VOM KOPF HER – in Kontakt mit uns selbst und decken Selbstsabotage und blinde Flecken auf. Wir können mit messerscharfer Präzision unsere Alltagsprobleme ihrem Ursprung zuordnen. Und zwar nicht auf Basis von Spekulationen, Interpretationen und Manipulation, sondern auf Grundlage der klaren Hinweise der eigenen Anteile. Wir nehmen sie alle parallel in den Blick – die täterloyalen Anteile genauso wie hasserfüllten, die traurigen Müden genauso wie die Kraftprotze usw. Auch Täterintrojekte – also internalisierte, autoaggressive Muster – lassen sich aufspüren und integrieren.

In a nutshell

Trauma verursacht in unserem System Spaltung und Verstrickung. Bewusst merken wir es nicht, aber aus dem Untergrund sorgen das für allerlei Turbulenzen an der Oberfläche: Es zieht in unserem Alltag viele Überlebensstrategien, Konflikte, toxische Reinszenierung oder Krankheiten nach sich. Die IoPt versucht, mithilfe des konkreten Anliegens diese Spaltung aufzuheben und uns selbst wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Durch das große Glück, sich selbst zu begegnen. ♥

Was ist die Anliegenmethode/ Selbstbegegnung?

Die Anliegenmethode ist das Werkzeug der IoP-Theorie: Mithilfe des Anliegensatzes gehst du in Kontakt mit deinen innerpsychischen Anteilen. Dieser Prozess heißt Selbstbegegnung. Einen ersten emotionalen Eindruck über die Selbstbegegnung findest du hier.

Das Anliegen kann ein Stichpunkt sein, ein Satz, eine Frage, nur zwei oder drei Worte oder sogar eine symbolische Zeichnung. Anliegen können sein: ein Körpersymptom, ein Beziehungskonflikt mit einem Mitmenschen, ein Laster, eine Frage, ein Glaubenssatz, ein destruktives Muster.

Beispiele für Anliegen sind:

  • Warum habe ich ständig Kieferschmerzen?
  • Ich will meine finanziellen Probleme überwinden.
  • Soll ich Medizin oder Jura studieren?
  • Warum streiten sich meine Kinder so heftig?
  • Ich will einen guten Kontakt zu meinem Ich.
  • Ich will mit meiner Urangst in Verbindung kommen.
  • Was in mir will sterben?
  • Ich hasse meine Schwiegermutter!!!

Daraus wählst du zwei bis drei Elemente aus. Das können Wörter, Bilder, Satzzeichen sein.

Beispiel für die ausgewählten Elemente:

  • ICH Kinder STREIT
  • Warum Schmerz ?
  • Angst Panik !
  • Warum ich übergewichtig
  • Ich Johannes Tochter
  • Selbstbewusstsein WENIG

Die zwei/ drei Elemente sind Symbole für innerpsychische Anteile. Wir tragen sowohl traumatisierte/ komplett abgespaltene Anteile in uns als auch Überlebensanteile (die rocken unseren Alltag). Außerdem hat jeder Mensch auch gesunde Anteile an sich. In der Selbstbegegnung schauen wir uns z.B. an:

  • wie es den Anteilen geht, wie sie sich fühlen, wie alt sie sind
  • in welcher Beziehung sie zueinander stehen und welche Beziehung sie zu dir haben
  • in welcher Beziehung sie zu externen Personen stehen (z.B. internalisierte Familienmitglieder)
  • wie du gesunde Anteile stärken kannst

Achtung: Wenn wir bspw. Den Anteil WUT aufstellen, ist er nicht zwangsläufig „dein Gefühl Wut“, das wir befragen. Es könnte z.B. ein abgespaltener Babyanteil sein, der traurig und verängstigt ist und mit seiner Not auf deiner Oberfläche das Gefühl von Wut nur verursacht.

Wie ist der genaue Ablauf einer Selbstbegegnung?

Hier beschreibe ich den Ablauf des Gruppensettings. Den Unterschied zum Einzelprozess gibt’s einen Punkt weiter unten.

Vorbereitung

Theoretisch musst du nichts vorbereiten und könntest komplett intuitiv agieren. Ich empfehle aber, das Anliegen im Vorfeld auszuwählen. Bei der Frage: Was ist mein Anliegen?, beginnt im Grunde schon der ganze Prozess.

Angenommen dein Anliegen ist: WARUM KANN ICH MICH NIE RICHTIG ENTSCHEIDEN?

Dann wählst du daraus zwei oder drei Elemente aus – deine Anteile, die wir an diesem Tag anschauen und in Kontakt bringen wollen. (Genaueres siehe oben.) Die Auswahl erfolgt intuitiv, ganz nach Gefühl. Dein Gefühl weist dir da IMMER den richtigen Weg. Beispiel: WARUM, ICH, RICHTIG

Das allein kann schon recht aufregend sein. Oft zittern die Leute sogar, wenn sie das Anliegen in den Zoomchat bzw. auf den Flipchart schreiben.

Resonanzpersonen auswählen

Nächster Schritt ist: Du wählst aus den anwesenden GruppenteilnehmerInnen (Resonanzgeber) für jedes Element einen Stellvertreter aus. Beispiel: „Sabrina, würdest du bitte mein WARUM sein?“ Sabrina kann dann annehmen oder ablehnen. (Nimmt sie an, benenne ich Sabrina online in WARUM um. Live würdest du ein Namensschild mit WARUM beschriften und ihr zum Anstecken überreichen.) Usw. Online schalten sich nach der Auswahl alle, die bisher nicht ausgewählt wurden, mit Bild und Ton zurück. Live sitzen die zunächst Unbeteiligten am Rand.

Wenn du bereit bist, gibst du das Startzeichen: „Ich bin bereit, es kann losgehen. Geht bitte mit meinen Anteilen in Resonanz.“

Deine Bühne – jetzt geht’s los

Es folgt eine kurze nonverbale Phase von zwei oder drei Minuten, in denen die Anteile sich in ihre Rolle einfühlen. Live können sie dabei z.B. im Raum ihre Position verändern, sich beäugen, verstecken, nonverbal kommunizieren. Dann beginnst du: Es ist deine Bühne, deine Aufstellung, deine Begegnung mit deinen eigenen Anteilen. Und die darfst du jetzt kennenlernen. Du befragst sie intuitiv und nach Gefühl. Beispiele: „WARUM, wie fühlst du dich? Hast du eine gute Beziehung zu mir? Warum zitterst du? Du weinst ja, was ist der Grund? […] ICH, wie geht’s dir? Wie alt bist du, weißt du das vielleicht? Warum schaust du immer so böse zu RICHTIG rüber?“

Wenn du Hilfe brauchst und nicht weiter weißt? Die Anteile und ich unterstützen dich. Keine Scheu, teile alles, was dich bewegt und frage alles, was du wissen möchtest.

In der Regel dauert der Prozess eineinhalb Stunden

Häufig zeigt sich in der ersten halben Stunde der Selbstbegegnung Chaos, Not oder Unordnung. Du fühlst dich vielleicht verwirrt und hilflos, obwohl du dich gleichzeitig in den Aussagen der Anteile wiedererkennst. Meist kommt im Mittelteil, oft vom Begleiter angeleitet, heraus, was das Problem ist hinter dem Anliegen. Es tauchen dann Erinnerungen auf oder Assoziationen. In den meisten Prozessen nehmen wir dann (je nach Hinweis) eine oder zwei weitere Personen hinzu: oft ein Elternteil oder ein anderes Familienmitglied.

Dazu schalten sich online wieder alle potenziellen Resonanzpersonen hinzu. Bzw. live wählst du aus den übrigen Anwesenden aus: „Clemens, würdest du bitte mit meinem Opa in Resonanz gehen?“ Und dann kommt neue Bewegung ins Spiel. Hier findet man i.d.R. die betreffende traumatische Erfahrung.

Beispiele:

  • emotional nicht anwesende Mutter im Säuglingsalter
  • körperliche Gewalt durch den Onkel und du hast dich nicht getraut, mit den Eltern darüber zu sprechen
  • pränatale Vergiftung durch Betäubungsmitteleinnahme der Mutter
  • traumatische Geburt
  • Missbrauch

Das Ergebnis

Im letzten Teil, der meist nochmal eine halbe Stunde dauert, ergibt sich dann (im Optimalfall, nicht immer) die Traumaintegration:

  • Häufig fließen Tränen des Selbstmitgefühls oder des Schmerzes,
  • etwas löst sich (z.B. Trennung von Fremdgefühlen),
  • Anteile gehen aufeinander/ auf dich zu,
  • AnliegenstellerIn erkennt vielleicht das Anliegen im neuen Licht, befreit sich von einem Symptom oder kann eine Blockade auflösen.

Gerade zu Beginn der Reise ist allerdings schon ein großer Erfolg, wenn die Anteile ihre wahren Gefühle zu bekennen wagen oder sich/ dich immerhin anschauen können, wenn das zuvor nicht möglich war. Ein Happy End ist nicht immer möglich. Wir gehen in jedem Prozess nur soweit, wie es dein System gerade zulassen kann. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.

Wichtig: Wir stellen bildlich dar, was in deiner Psyche augenblicklich abläuft. Wenn sich im Inneren nichts bewegt, ändert sich auch für die Anteile nichts. Umgekehrt genauso: Nähern sich die Anteile an, bessert sich ihr körperlicher Zustand oder ihr Gefühl, ist das lediglich der Anzeiger dafür, was gerade in dir passiert. Und DAS ist Integration, die dir keiner mehr nehmen kann. ♥

Abschluss

Zum Schluss, wenn du das Gefühl hast, so können wir das Ganze stehen lassen, beenden wir den Prozess. Dann entlässt du alle einzeln aus ihren Rollen: „Danke, dass du mein WARUM warst, ich entlasse dich aus der Rolle, du kannst jetzt wieder Sabrina sein.“ Dann gibt es eine Feedbackrunde, in der jeder in wenigen Sätzen sagen kann, was die Arbeit mit ihm gemacht hat. Auch die Resonanzpersonen können in der Regel einiges für ihre persönliche Weiterentwicklung aus dem Prozess mitnehmen. Deshalb stellt meine Kollegin Elena Pfarr ihre Prozesse unter das Motto: „Gemeinsam wachsen.“ Das finde ich absolut treffend.

Wie unterscheiden sich die Settings Einzel und Gruppe?

Die Auswahl des Anliegens und der zwei oder drei Anteile unterscheiden sich nicht zum Prozedere vor der Gruppenarbeit. Im Einzel benutzen wir Karten oder Alltagsgegenstände, wie Bücher, Tassen, Stühle, Kissen, Dekoartikel etc. als Stellvertreter und beschriften sie mit Namensschildern (Post-it’s, Namenskarten oder Schilder mit Klemmen). Ein Kissen ist dann vielleicht das WARUM, die Vase das ICH und der Teppich das RICHTIG. Du beschriftest sie und ordnest sie intuitiv im Raum an. (In der Onlinearbeit verzichten wir manchmal auf die Gegenstände.)

Eine solche Dynamik (Dialoge, Streit, Kontaktaufnahme) wie im Gruppensetting ist im Einzel schwer bis gar nicht nachzustellen. Stattdessen gehen wir reihenweise in Resonanz mit den Anteilen. Die Gegenstände zu berühren, hilft, in die Rolle zu kommen. Gelingt es dir nicht oder nur schwer, in Resonanz zu gehen, übernehme ich das für dich. Die Reihenfolge, wen wir wann und wie intensiv befragen, legst du selbst fest. Auch hier lernst du deine Anteile kennen:

  • wie es ihnen geht, wie (alt) sie sich fühlen, wie der Körper reagiert
  • in welcher Beziehungskonstellation sie zu dir, zueinander und zu internalisierten Familienmitgliedern stehen etc.
  • Symbolik der Gegenstände und ihre Anordnung bieten wertvolle Hinweise

Die Einzelsitzungen, die ich begleite, dauern i.d.R. 1,5 h, ich plane aber immer 2 h ein. Solange es sich für dich gut anfühlt und der Prozess läuft, breche ich von mir aus nichts ab. Auch hier ist die Struktur ähnlich wie bei der Gruppensitzung: Meistens wird im Mittelteil noch eine weitere externe Person hinzugenommen, z.B. Mama, Oma, Papa oder Bruder. (Ebenfalls über einen Gegenstand im Raum.)

Was bedeutet „guter Kontakt zu mir selbst“? Den habe ich doch auch so!

Ja, das dachte ich auch, bevor ich mit der IoPt begonnen habe. Mittlerweise benutze ich gerne die Farbmetapher: Wer immer nur Schwarzweiß sieht, dem kann niemand erklären, was ROT bedeutet. Auch, dass wir einen schlechten Kontakt zu uns selbst haben, fühlen wir oft gar nicht, bis wir irgendwann mal die Erfahrung machen, wie es ist, wenn wir echten, emotionalen Kontakt erreichen.

Als Faustregel kann aber gelten: Solange wir sehr mit transgenerationalen Traumata oder internalisierten Eltern verstrickt sind, solange wir massive Triggersituationen erleben, unsere Gefühle schlecht regulieren können, an psychosomatischen Körpersymptomen leiden, wiederkehrende, destruktive Alltagsmuster vor uns herschieben usw. usf. – solange sind wir nicht oder nur sehr schlecht im Kontakt mit uns selbst.

Analog verhält es sich mit dem Kontakt zu unseren Kindern: Die tiefe Herzensbindung gelingt nur dann, wenn wir sie zuvor in unserem Inneren schaffen. Und erst wenn wir echte Verbindung zu unserem Kind gespürt haben, können wir achtsam beobachten, wann wir (z.B. unter Stress) aus der Verbindung zu ihm rauskippen.

Es ist sehr spannend zu beobachten, was sich in den Wochen nach einer Selbstbegegnung da in uns und in unserer Familie tut.

Was ist der Unterschied zur Inneres-Kind-Arbeit?

Deine Anteile kannst du dir grob vereinfacht schon so ähnlich wie viele verschiedene innere Kinder vorstellen. Aber es gibt gravierende Unterschiede zur herkömmlichen Arbeit mit dem inneren Kind:

  1. Die Präzision wie in der IoPt ist bei weitem nicht gegeben. Wir haben nicht nur ein inneres Kind, sondern viele Anteile. Jede traumatische Situation führt zu erneuter Abspaltung. Und eine Selbstbegegnung findet genau den Anteil heraus, der zum Problem/ Anliegen im Hier und Jetzt führt. Die Resonanzpersonen sind schonungslos ehrlich und ihre Informationen recht genau.
  2. Imaginationsübungen oder Meditationen mit dem inneren Kind funktionieren aus unserem Bewusstsein, also vom Kopf her. An verdrängte Erfahrungen und Gefühle kommen wir mit dem Kopf überhaupt nicht heran. Menschen, die in der Selbstbegegnung vom Kopf her eine Annäherung an ihre Anteile anstreben, werden von denen oft zunächst zurückgewiesen: „Das sagst du nur so! Das kommt nur aus deiner Vernunft, aber du FÜHLST es nicht.“ Den Anteilen machst du nichts vor, sie sind wie kleine Lügendetektoren.
  3. Bei der imaginativen Arbeit mit inneren Kindern besteht die latente Gefahr, dass wir uns gewissermaßen selbst anlügen und wieder nur unsere Traumabewältigungsstrategien stärken, z.B. indem wir unsere frühe Beziehungsarmut mit scheinbarer „Bemutterung“ wiedergutzumachen versuchen. Das führt aber nicht zu Traumaintegration, sondern kann im schlimmsten Fall die Symptomatik verstärken.

Wie funktioniert Resonanz und geht das auch online?

Eine Person, die in Resonanz geht, übernimmt eine „Rolle“ und fühlt sich in einen Persönlichkeitsanteil oder eine andere Person ein. Aus dieser Perspektive kann sie plötzlich auf deren fremde Informationen, Gefühle und Beziehungserfahrungen zugreifen. Und das Phänomen ist so erstaunlich, wie wasserdicht: Völlig verblüffende Informationen (über direkte Sprache, Verhalten, Körperhaltung, Sprachstil, Mimik etc.) bringen unerfahrene Anliegenbringer regelmäßig ins Staunen: „Woher kann dieser fremde Mensch das denn wissen? Er kennt mich doch gar nicht!“

Wie Resonanz funktioniert? Keiner weiß es sicher. Erklärungsmodelle gibt es allerdings verschiedene – von alles umspannenden Informationsfeldern, über Spiegelneurone bis hin zu Quantenphysik. Aber ganz ehrlich? Mir ist es inzwischen egal. Ich will niemanden überzeugen. Jeder darf da seine eigene Erfahrung machen. Mit Resonanz ist es wie mit Farben (um nochmal die gleiche Metapher wie oben zu nutzen): Wer immer nur schwarzweiß sieht, dem kann niemand erklären, wie die Farbe ROT aussieht. Aber wenn man sie einmal gesehen hat, gibt es kein Zurück.

Umso bemerkenswerter ist der Fakt, dass Resonanz auch online einwandfrei funktioniert. Seit dem Lockdown 2020 ist die Onlinearbeit in Gruppenmeetings gang und gäbe. Sie hat verschiedene Vor- und Nachteile im Vergleich zu Livearbeiten, ist aber genauso nachhaltig und effektiv.

Wie finde ich mein Anliegen?

Wichtig: Das Anliegen muss komplett frei von Manipulationen aus dir selbst heraus entstehen!

Warum? Ich benutze auch hier gerne eine Metapher: Stellen wir uns unser Körper-Psyche-System als Zwiebel vor, dann ist der Weg mit Selbstbegegnungen wie das schrittweise Abschälen von der äußersten Zwiebelschale bis nach innen. Wenn der Anliegensatz wirklich aus dir kommt, stellst du sicher, dass du die äußere Schicht erwischst. Und das ist i.d.R. gerade die, deren Inhalt dein System für den Moment bereit ist aufzunehmen, zu verarbeiten, zu ertragen. Heißt: In deiner ersten Selbstbegegnung wirst du nie mit deiner finstersten Traumaerfahrung in Kontakt kommen, wenn du dazu noch nicht bereit bist.

Wenn ein Mitmensch oder deine Begleitung dein Anliegen beeinflusst im Sinne von: „Stell doch mal X, Y und Z auf!“, dann kann es zu Überforderung oder gar Retraumatisierung kommen. Dann landen wir vielleicht im Prozess auf Zwiebelschicht Nummer 8, obwohl jetzt erst die Schicht Nummer 2 gut zu nehmen wäre.

Das heißt aber umgekehrt: Wenn dein Anliegen konkret und wirklich dein eigenes ist, wird im Prozess nur das auftauchen, was du schaffen kannst. Dann brauchst du keine Angst vor überwältigenden Gefühlen haben.

Ich nenne dir einige Beispiele:

  • Was ist bloß mit meiner Tochter los? (Was, Tochter, los)
  • Meine Bauchschmerzen sollen verschwinden (Meine, Bauch, Schmerzen)
  • Warum schaffe ich es nicht, ruhig und liebevoll zu bleiben? (ich, ruhig, bleiben)
  • Ich will meine Männlichkeit leben (Ich, will, leben)
  • Meine Arbeit strengt mich unglaublich an! (Arbeit, strengt, an!)
  • Ich will unbeschwerte Sexualität genießen (will, Sexualität, genießen)
  • Ich will mit meinen Gefühlen in Kontakt kommen (Ich, Gefühle)
  • Schmatzen triggert mich

Du kannst dich fragen: Was will ich ändern? Wo habe ich aktuell ein Problem? Was ist gerade meine größte Baustelle? Welche Frage stelle ich mir immer wieder? Was zeigt mir mein Körper für Symptome?

In dem Moment, an dem du überlegst, welches ist mein Anliegen?, beginnt der Prozess. Nimm dir ruhig Zettel und Stift und schreibe alles auf, was dir in den Sinn kommt. Manche Anliegen hängen zusammen und haben den gleichen Ursprung – d.h. im Laufe der Zeit erledigen sich manche Symptome wie von selbst. Bleib geduldig mit dir und vertraue darauf, dass jeder Schritt erst dann klappt, wenn die Zeit dafür reif ist. ♥

Wie viele Sitzungen werde ich brauchen, um mein Problem zu lösen?

Diese Frage kennt so viele Antworten, wie es Menschen auf der Welt gibt. Allen voran ist sie eine persönliche Frage: Wie tief will ich überhaupt tauchen? Wie weit will ich in meiner persönlichen Entwicklung/ Reifung gehen?

Beschränken wir die Frage auf ein spezifisches Anliegen: Manche Probleme lassen sich mit nur einem Prozess und den folgenden Wochen, in denen er sich integriert, lösen. Beispiel: Susanne will ihre Kopfschmerzen loswerden. Nach nur einem Prozess gibt es keinen Kopfschmerz mehr. Andere Probleme brauchen Monate oder Jahre der Traumaarbeit, um sich zu mildern. Deshalb ein weiteres Beispiel: Frank will seine Kopfschmerzen loswerden. Nach 10 Prozessen sind die Kopfschmerzen immer noch da.

Was ist da der Unterschied?

Komplexe Symptome haben meist auch einen komplexen Ursprung aus einer Summe verschiedener früher Traumatisierungen. (Achtung: Körperliche Symptome und psychische Störungen mit Krankheitswert vorher oder parallel bitte unbedingt beim Facharzt abklären/ behandeln lassen!)

Hängt ein Symptom an einer bestimmten früheren Erfahrung, kann eine Sitzung reichen, um es aufzulösen. Hängt dein System gezwungenermaßen noch recht fest in den Überlebensstrategien, ist oft auch der Zugang zu den Gefühlen noch versperrt. Auch das braucht Zeit. Manchmal lösen wir ein bestimmtes Problem mit 1 bis 5 Selbstbegegnungen. Manchmal braucht es ein Jahr lang monatlich einen Prozess und viel Selbstmitgefühl und Geduld – oder parallel zusätzliche therapeutische Unterstützung.

Mein Begleitungsstil

Ich persönlich begleite recht sparsam, um eigene Projektionen oder Fehlinterpretationen zu vermeiden. Jede begleitende Person hat ihre eigenen blinden Flecken, und kein Mensch der Welt ist vor Manipulation gefeit. Meine Philosophie ist deshalb: Mein eigener fortlaufender IoPt-Prozess ist die Grundlage für eine möglichst neutrale Begleitung und Anleitung. Ich leite nur zu dem Problem hin, das sich an diesem Tag zeigt. Ich kommentiere dann das Beziehungsgeflecht und schaue behutsam, ob/wie ich dir ins Gefühl und/oder in den Kontakt mit dir selbst helfen kann.

Bei all dem gilt: Wenn du im Prozess nicht weiterweißt, frage die Anteile oder mich um Hilfe.

Achtung: Bei psychischen Störungen mit Krankheitswert oder gefährlichen körperlichen Krankheiten unbedingt entsprechende Fachärzte parallel oder im Vorfeld konsultieren. Ich behalte mir vor, die Zusammenarbeit abzulehnen oder abzubrechen, wenn der Inhalt der Arbeit meinen Kompetenzkreis als psychologische Beraterin und IoPt-Begleiterin übersteigt.

Außerdem bitte unbedingt die Regeln zum Schutz aller Teilnehmenden an Selbstbegegnungen beachten! (Findest du unter meiner Angebotsübersicht.)

Vielleicht hören wir schon bald voneinander – ich würde mich freuen!

Meine Angebote findest du hier.

Alles Liebe

Anne

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Buchtipps:

Verena König: Bin ich traumatisiert?*

(Herzenstipp! ♥ Superschöne Einführung in das Thema frühes Trauma.)

Dami Charf: Auch alte Wunden können heilen*

(Einführung in Entwicklungstrauma und Selbstregulation.)

Stefanie Stahl: Das Kind in dir muss Heimat finden*

(Einstieg in die Arbeit mit dem inneren Kind.)

Banzhaff/ Ruppert: Mein Körper, mein Trauma, mein Ich*

(Zusammenhang von Trauma und Krankheit: viele Anliegenbeispiele aus der Praxis.)

Franz Ruppert: Wer bin Ich in einer traumatisierten Gesellschaft?*

(Gesellschaftliche Zusammenhänge: Trauma und destruktive Täter-Opfer-Dynamiken.)

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

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Ich bin Anne, leidenschaftliche Schreiberin und immerfort lernende Mutter zweier Kinder. Süchtig nach anspruchsvollen Büchern und mit einer Schwäche für ausgezeichneten Schwarztee. Auf meinem Blog WELTFREMD setze ich mich seit 2019 für friedvoll-authentische Elternschaft ein und kläre über Entwicklungstrauma auf. ♥

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