Was bedeuten die Begriffe Trauma, Trigger, Überlebensstrategie

Nur wer früher Opfer war, kann später Täter werden: Psychologisches Basiswissen für Eltern

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

Wie hängen Trauma, Trigger und Überlebensstrategien zusammen? Bin ich Schuld am Trauma meines Kindes? Oder bin ich Opfer von Traumatisierung?

Und warum ist dieses Wissen für Eltern wichtig? Ist das nicht spezielles Psychozeug für Verrückte und Seelenklempner?

Ganz sicher nicht. Hier erfährst du:

  • Wie Eltern von diesem Wissen profitieren
  • Was die Begriffe bedeuten
  • Welche beiden zentralen Zutaten die Basis für ein glückliches Leben bilden
  • Wie wir zu Tätern werden und warum die Schuldfrage hier unsinnig ist
  • Was der Unterschied zwischen Opferhaltung und Opfer-sein ist

Emotionale Wunden aus der Vergangenheit

Fast jeder Mensch erlebt in der frühsten Kindheit Situationen, die ihn emotional massiv überfordern. Der Begriff Trauma meint hier eine überwältigend bedrohliche Situation, in der wir die aufkommenden Gefühle abspalten müssen, weil wir sie anders nicht verarbeiten können. (Vgl. Charf, Levine, Brisch, Betz, Ruppert etc.)

Eine genauere Erklärung inkl. verständlicher Beispiele habe ich dir im Beitrag Ursachen und Folgen des Bindungs-/ Entwicklungstraumas zusammengetragen. Ausführliches liest du in meinem spannendsten Artikel: Hitler im Herzen – Erziehung und Trauma.

Diesen Umstand nehmen wir nicht bewusst wahr. Schon gar nicht, solange im Leben alles glatt läuft. Ereilt uns aber eine Krise, wie Trennung, Tod oder sonstige Katastrophen, gerät das Leben manchmal unverhältnismäßig aus den Fugen.

Und wer hätte es als kinderloser Mensch gedacht: Eltern zu werden, ist tatsächlich eine zentrale Lebenskrise. Der Alltag mit Kind, die Bedürfnisse und das lebendige Verhalten der Kleinen sorgen schlagartig dafür, dass Mama und Papa mit reichlich Triggern versorgt werden. Und bevor wir Eltern dann im Affekt dumme Dinge tun, ist es sinnvoll, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Anders gesagt: Um nicht die gleichen Fehler der Vorgenerationen zu machen, ist es unerlässlich, sich zu reflektieren und seine eigenen Gefühle und Handlungen zu verstehen.

Trigger und Traumaabspaltung

Ein Trigger ist ein auslösender Reiz, der an einen früheres abgespaltenes Gefühl erinnert.

Alles kann ein Trigger sein: dass dein(e) Partner(in) nicht abgewaschen hat, der Geruch von Salatgurke, das Schmatzen eines Kindes.

Und das Gefühl wurde abgespalten, weil du die Angst, den Schmerz, die Widersprüchlichkeit, die Verzweiflung, die Traurigkeit etc. in dem Moment nicht hättest aushalten können.

Die meisten Trigger führen uns zurück in unsere Kindheit und Babyzeit. Je früher eine belastende, traumatische Situation stattfindet, umso destruktiver und folgenreicher sind die Auswirkungen. Ganz einfach deshalb, weil das unfertige Nervensystem eines 5 Wochen alten Babys viel störanfälliger ist als das eines 15- oder 50-Jährigen.

Dass überwältigende Gefühle abgespalten werden, ist eine kluge Erfindung unserer Psyche. Da wir als Babys und Kinder maximal abhängig sind von der emotionalen und sonstigen Versorgung unserer Ursprungsfamilie, müssen wir uns anpassen.

Beispiel:

Eine lieblose, dissoziierte (also selbst traumatisierte) Mutter kann ihrem Kind kaum emotionale Nahrung schenken. Das Kind spaltet seine damit verbundene Angst, Wut und Traurigkeit ab. Es nimmt unterbewusst an, an ihm sei etwas Schlechtes, wenn die Mutter es nicht liebt. Als Überlebensstrategie entwickelt es vielleicht einen krankhaften Perfektionismus, um zu gefallen – um die Liebe der Mutter durch Leistung und Brav-sein doch noch zu erlangen. Es entfremdet sich damit von seinem Selbst als Überlebensstrategie.

Womit wir beim nächsten Begriff wären:

Traumabewältigungsstrategien

Eine Strategie soll das abgespaltene Trauma ausgleichen und unser Überleben sichern. Sie wird niemals bewusst gewählt, sondern entsteht unbewusst und automatisch mit der Traumatisierung. Sie wird im Laufe der Zeit manchmal ausgetauscht oder abgelöst. Wir nutzen i.d.R. mehrere parallel.

Gut, da könnte man jetzt sagen: Ja, mei, aber das ist doch schön und gut! Sie funktionieren doch super!?

Najaaa …

Solange das Trauma nicht integriert ist, sind sie, wie ihr Name sagt, überlebenswichtig. Sie können aber niemals heilen – ihre Dosis muss im Laufe der Zeit immer gesteigert werden, damit sie wirken. Außerdem treiben sie die innere Spaltung bzw. die Entfremdung von deiner wahren Identität immer weiter voran.

Dami Charf schreibt bildlich:

„Viele Menschen glauben, dass Dinge, an die sie sich nicht erinnern […], keinen Einfluss auf ihr Leben haben, doch das Gegenteil ist der Fall. Je weniger wir uns mit etwas beschäftigen, desto mehr beeinflusst es unser Leben. Ich nutze gerne das Beispiel des Kellers mit einer Falltür. In diesem Keller sitzen alle Verletzungen, Traumata, Demütigungen. Wir haben sie in den Keller gesperrt und zu vergessen versucht.

Der Preis dafür ist allerdings, dass wir immer mit einem Fuß auf der Falltür stehen müssen, damit sie nicht hochkommen und uns einholen. Unser Radius und unsere Freiheit sind dadurch begrenzt – wir müssen ja den Fuß auf der Falltür lassen. Mit den Jahren werden wir schwächer, und es fällt uns immer schwerer die Tür zuzuhalten. Geschieht dann ein einschneidendes Lebensereignis, wie eine Trennung oder ein Todesfall. Öffnet sich die Falltür, und wir sitzen plötzlich mit den Schatten unserer Vergangenheit da und wissen nicht, was wir tun sollen. Damit es nicht soweit kommt, bin ich ein großer Fan davon, den Keller vorzeitig aufzuräumen.“

Dami Charf schreibt das in ihrem empfehlenswerten Buch: Auch alte Wunden können heilen* auf Seite 181.

Hier ein paar Beispiele für Strategien:

  • Betäuben von Unruhe oder Anspannung durch Alkohol
  • Dissoziation (emotionales „Wegtreten“), um einer Demütigung zu entfliehen
  • emotionale Abhängigkeit von einem idealisierten Partner, der ein frühes Liebesdefizit ausgleichen soll
  • Süßigkeiten, die einen alten Schmerz „weg“ trösten sollen
  • psychosomatische Krankheiten mit Sekundärnutzen, wie Ruhepausen, Aufmerksamkeit, Mitgefühl

Dahinter stecken oft Glaubenssätze wie: „Ich muss stark/ perfekt sein!“, „Ich muss leisten!“ Diese lassen aber in Wahrheit eine verhängnisvolle Überzeugung durchblitzen: Ich genüge nicht/ bin nicht liebenswert.

Ein Trauma muss nicht zwangsläufig Krieg und Katastrophe sein. Auch ständig bewertet, kritisiert, beschämt oder nicht beachtet zu werden, überfordert die kindliche Psyche massiv. Selbstoptimierung, Anpassung und Anstrengung, um anderen zu gefallen, sind – wie alle Überlebensstrategien – sehr kräftezehrend. Je älter wir werden, umso schwerer wird es uns fallen, diese Strategien aufrecht zu erhalten.

Mit einer Strategie kämpfen wir gegen unsere echte Persönlichkeit. Wir verbiegen uns, um dazuzugehören, um Anerkennung zu ernten, um Strafe zu vermeiden – oder um schmerzhafte Gefühle nicht fühlen zu müssen.

Strategien mit Strategien bekämpfen

Diese unbewusst gewählten Handlungsmuster können zu einem späteren Zeitpunkt allerdings unbequeme Folgen haben: Wer seelischen Schmerz mit Süßigkeiten übertüncht, kriegt möglicherweise Gewichtsprobleme. Wer aufgrund von innerer Unruhe geraucht hat, fürchtet sich nun vielleicht vor Krebs.

Und dann geht der Kampf in die zweite Runde: Wir kämpfen nicht nur gegen uns selbst und unsere Gefühle, sondern wir kämpfen auch noch gegen unsere Strategie. Wir versuchen, die eine mit einer neuen Strategie zu ersetzen, z.B. durch kognitive Analysen, scheuklappenartige Symptombehandlung oder toxische Positivität („Ich muss alles positiv sehen!“).

  • Emotionales Essen bekämpfen wir mit Diät.
  • Kopfschmerzen behandeln wir mit Tabletten.
  • Die Wutanfälle der Tochter vermeiden wir mit tausend Geschenken.

Ist das klug? Immer nur Widerstand, Kampf und Anstrengung? Im Optimalfall bringt uns das kurzfristig weiter. Aber ehrlich? Diesen inneren Krieg hatten wir als Kind genug.

Trigger als Chance verstehen

Wenn dich eine deiner Strategien, eines deiner Symptome sehr belastet oder der Leidensdruck insgesamt hoch ist, empfehle ich eine andere Herangehensweise: (Mit professioneller Begleitung) können wir gewissermaßen „durch die Hintertür gehen“ und den traumatischen Ursprung integrieren. Dann brauchen wir die Strategien automatisch nicht mehr so sehr. Es ist ein Unterschied, ob ich Strategien bekämpfe oder sacht die Ursache bearbeite, damit die Strategien abziehen können.

Der Trigger wiederum (wie auch unser Symptom) ist aber nur ein Hinweis, eine freundliche Chance. Er sagt: SCHAU ENDLICH HIN! An dem Trigger trägt nicht dein Gegenüber Schuld! Der Trigger gehört nur zu dir. Er weist dir den Weg zur Heilung.

Und was braucht es zur Heilung? Einerseits die Anerkennung des abgespaltenen Gefühls – ohne Verurteilung, ohne Bagatellisieren – und tiefes Mitgefühl mit uns selbst.

In der Regel braucht es dazu professionelle Begleitung. Einige Methoden dazu habe ich am Ende des Artikels über Entwicklungstrauma zusammengefasst. Vielleicht ist etwas für dich oder deine Angehörigen dabei.

Und hier haben wir auch gleich eine nette Zauberformel für den Umgang mit unseren Kindern in jedweder schwierigen Situation: Aufrichtige Anerkennung und ehrliches Mitgefühl. Mehr braucht es nicht.

Täter-Opfer-Verstrickungen

Und da in dieser wunderhübschen Traumakiste bei vielen Mamas und Papas sofort die Schuldfrage aufploppt, kommt hier noch ein bisschen Aufklärung über Opfer- und Täter-Verstrickungen.

Beim Entwicklungstrauma, Bindungstrauma, Trauma durch Erziehung … (wie auch immer) gibt es eine Grundregel:

Nur wer früher Opfer war, kann später zum Traumatäter werden.

Jemand, der aus Überforderung sein Kind anbrüllt, schlägt, es „herzlos“ alleine schreien lässt und mit einer trotzigen Beharrlichkeit „konsequent“ ist, dem es an Empathie fehlt, der ständig die Schuld bei anderen sucht … Dieser Mensch war als Kind selbst Opfer ebendieser Methoden.

Die Rechnung ist ganz leicht:

  • Empathie lernen wir, indem uns Empathie geschenkt wird.
  • Anstand lernen wir, indem uns Anstand vorgelebt wird.
  • Gewalt lernen wir, indem uns Gewalt* vorgelebt wird.

*Aber Achtung: Aggression bei Kindern kann auch ganz normal sein. Hier mein Text nach Jesper Juul über Aggression.

Opfersein und Opferhaltung

Und es gibt einen Unterschied zwischen Opfer und Opfer. Der Begriff wird ja gerne als Mobbing-Schimpfwort benutzt: „Du Opfer!“ Tja, wer so etwas sagt, war zuvor selbst eins.

Wir können in der Opferhaltung verharren – das bedeutet, dass wir die äußeren Bedingungen für unser Leid verantwortlich machen: das anstrengende Kind, die beleidigende Schwiegermutter, die zu kleine Wohnung etc. Das ist für manche eine wichtige Strategie, denn der Blick aufs Außen nimmt die Sicht weg von unserem schmerzhaften Inneren. Manche Paare, die einander hassen, bleiben genau deshalb zusammen: Man hat ein Objekt, auf das man seinen Hass richten kann. Funktioniert auch prima mit Ausländern, Chefs, Homosexuellen. Das Prinzip ist das gleiche: Der innere Hass, der einen längst vergessenen Ursprung in der Vergangenheit hat, wird ins (unschuldige) Außen geleitet und auf andere projiziert. Sehr praktisch.

Das eigene frühere Opfersein ANZUERKENNEN ist hingegen das Gegenteil davon: In dem Fall schauen wir mutig in unseren eigenen finsteren Abgrund. Wir dürfen uns fragen:

  • Was reizt mich hier so?
  • Warum strengt mich das Kind so an?
  • Warum kann ich mit Fremden nicht umgehen?

Das schmerzhaft, deswegen scheuen sich die meisten davor, aber es ist ein Schritt Richtung Heilung.

Die Schuldfrage

Und diese Grundregel: erst Opfer, dann Täter, die entlarvt die Frage nach elterlichen Schuldgefühlen als unsinnig. Dass wir früher Opfer waren, haben wir uns doch nicht ausgesucht! Und dass wir nun getriggert werden und mit einem alten (früher sinnvollen) Programm reagieren, ist nur verständlich!

Die belastende Schuldempfindung vieler Eltern kommt eben auch aus der Vergangenheit: Die meisten von uns wurden mit Schuld-, Scham- und Angstgefühlen zu Anpassung gezwungen. Das klebt nun an uns.

Wie der Mechanismus genau funktioniert, kannst du in diesen Artikeln nachlesen:

An diesem ganzen verdammten Drama bist du aber unschuldig. Nicht DU, sondern die UMSTÄNDE waren falsch.

Kaffeebohnen in die richtige Richtung

Und in den kleinen Schritten, die du nun bereit bist zu gehen, übernimmst du jetzt die Verantwortung. Langsam. Von mir aus auch in Kaffeebohnen. Schritt für Schritt schaust du mehr und mehr auf dich selbst.

Dabei darfst du nachsichtig und geduldig mit dir sein. Du darfst dir Rückschritte erlauben.

Niemand wird absichtlich zum „bösen Traumatäter“ – das sind und waren auch unsere Eltern nicht. Wir sind aber ggf. das Bindeglied oder das Medium, das über Epigenektik, erlernte Verhaltensprogramme und verdrängte Gefühlen/ Erfahrungen Traumata weiterreicht – in abgemilderter Form.

Gesunde psychische Anteile gibt es in jedem von uns. Und von denen hat auch dein Kind reichlich. Ganz sicher. ♥

Alles Liebe auf deinem Weg – wie lang er sich auch zieht. Die Richtung stimmt. Ich feiere dich dafür!

Ich wünsche dir dabei von Herzen viel Anerkennung und Selbstmitgefühl.

Deine Anne

PS: Du willst Traumaverstrickungen auflösen und sowohl dich selbst als auch deine Kinder entlasten? Die Selbstbegegnung nach Anliegenmethode (IoPt) ist eine tolle Traumaintegrationsmethode. Schreib mir für ein kostenloses Kennenlerngespräch gerne eine Nachricht an anne@weltfremd.net ♥

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Ich bin Anne, leidenschaftliche Schreiberin und immerfort lernende Mutter zweier Kinder. Süchtig nach anspruchsvollen Büchern und mit einer Schwäche für ausgezeichneten Schwarztee. Auf meinem Blog WELTFREMD setze ich mich seit 2019 für friedvoll-authentische Elternschaft ein und kläre über Entwicklungstrauma auf. ♥

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