Reinszenierung von Trauma

Von der Wiederholung früher Traumaerfahrungen: Was bedeutet eigentlich Reinszenierung?

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

Susanne war bereits im Mutterbauch einem unglaublichen Stresscocktail ausgesetzt: Mamas chronischer Stress aufgrund einer Panikstörung hat sich auf die winzige Susanne wie Gift niedergeschlagen. Als 32-jährige Frau und Mutter zieht sie nun Hektik, Chaos und Unglücksfälle „magisch“ an. Sie reinszeniert unbewusst das Muster: Leben heißt Stress.

Schon seit Freud kennt die Psychologie das Phänomen Wiederholungszwang: Bindungstraumatisierte Menschen wiederholen/ re-inszenieren schmerzhafte Erfahrungen ihr Leben lang. Aber das tun sie nicht bewusst. Es „passiert“ ihnen einfach. Warum nur bestätigen wir auf unbewusste Weise scheinbar immer wieder das, was wir ganz am Anfang mal gelernt haben?

In diesem kurzen Beitrag erfährst du:

  • anhand anonymisierter Beispiele (Namen geändert), was Reinszenierung bedeutet,
  • warum unsere kognitiven Strukturen dagegen nicht/ kaum ankommen und
  • was Kinder vor dem Phänomen destruktiver Wiederholungszwänge schützt.

Wie kommt es, dass sich schlechte Erfahrungen aus der frühen Kindheit im Leben wieder und wieder bestätigen?

Das funktioniert über zwei Mechanismen: Erstens messen wir den Erfahrungen viel mehr Bedeutung bei, die unsere Glaubenssätze bestätigen. Dein Glaubenssatz ist vielleicht: Ich bin ungewollt. Dann bekommst du am Tag dreißig Mal etwas Nettes gesagt, das an dir unbeachtet oder sogar peinlichst vorbeiflutscht, aber eine minimal angedeutete Kritik in Form eines schrägen Blickes? DIE SITZT. Glaubenssatz bestätigt. Check.

Der zweite Mechanismus ist: Wir führen unbewusst (also unbemerkt von unserer Vernunft!) Umstände herbei, die zu realen Ereignissen führen, wie:

  • Kein Risikobewusstsein? Viele Unfälle.
  • Chronisch unkonzentriert? Ständig Pannen, Verluste und Unglücksfälle.
  • Lähmender Opfermodus? Eine Pechsträhne nach der anderen.
  • Konfliktunfähigkeit und Bindungsangst? Viele scheiternde oder toxische Beziehungen.

Diese Ereignisse bestätigen dann ebenfalls das früh Gelernte: Ich bin Opfer. Ständig passiert mir so etwas. Die Welt ist gefährlich. Das Leben ist anstrengend. Usw. Und genau das kann letztlich sogar zu Retraumatisierung führen (Schocktrauma durch Vergewaltigung, Autounfall, etc.).

Beispiele für Reinszenierung

David

Davids Mutter hat als Kind sexuellen Missbrauch durch ihren Onkel erlebt. Davon weiß seine Mutter allerdings nichts. Sie hat das Trauma ins Unterbewusstsein outgesourced, wo es Entzündungen, Darmprobleme und eine Anfälligkeit für nahezu jede Art von Infekten verursacht. Während sie sich immer liebevoll um ihr Söhnchen gekümmert hat, sendete ihr Unterbewusstsein aber bereits am Wickeltisch: UM GOTTES WILLEN, MÄNNLICHKEIT!! GEH WEG! DER PENIS DARF NICHT WACHSEN! DU BEDROHST MICH! Davon „weiß“ auch Davids Bewusstsein nichts. Es steckt aber als frühste, prägende Erfahrung in ihm. Und den Glaubenssatz: „Ich bin als Mann eine Bedrohung und darf nicht männlich sein!“ reinszeniert er: Vorhautverengung, Unsicherheit, Potenzprobleme.

Wen sucht er sich ZUFÄLLIG (*nicht) als Partnerin aus? Eine Frau mit Panikstörung nach Missbrauch in der Kindheit. Also eine, die unbewusst wieder ausstrahlt: „Männer sind eine Bedrohung! Werd mir ja nicht zur Gefahr!“ Passt also für beide: Während sie frustriert sind, weil es im Bett nicht so richtig klappen mag, bestätigen sie einander in fachbuchartiger Reinszenierung ihre frühen Bindungsmuster.

Hanna

Hannas Eltern waren auch immer nett zu ihr. Aber sie hatten beide einen Anteil in sich, der Hanna zutiefst gehasst hat. Denn Hanna, als stinknormales Kind, hat sie mit Geplapper, Geschrei und Missgeschicken extrem getriggert. Auch Hanna „weiß“ das nicht. Die Wahrheit wäre viel zu bedrohlich. Denn wir MÜSSEN ja von Mama und Papa geliebt werden, sonst zerbrechen wir. Also spaltet auch Hanna das Drama ab und reinszeniert im Außen wieder und wieder den Hass: Sie sendet unterbewusst entsprechende Botschaften an die Klassenkameraden – und wird gehänselt. Sie gerät wieder und wieder in zwischenmenschliche Beziehungen, in denen sie mies behandelt wird. Jeder von außen fragt sich: Warum bleibt sie bei dem Idioten? Und sie selbst fragt es sich von Zeit zu Zeit auch, aber sie KANN einfach nicht anders. Und wenn sie sich doch trennt? Dann gerät sie – was für ein Zufall aber auch – an den nächsten frauenfeindlichen Typen.

Paul

Pauls Vater Henri ist Rennfahrer gewesen und mit 26 Jahren (wenige Jahre nach Pauls Geburt) bei einem Unfall gestorben. Seine Mutter war emotional schon immer recht labil und hat Henri als emotionale Krücke gebraucht – als Überlebensstrategie. Nach der Tragödie hat sie unbewusst Paul als Partnerersatz missbraucht. Paul war für sie Lebenssinn, schenkte Körperkontakt und gab ihr das Gefühl, gebraucht zu werden. Ständig flötete sie Paul ins Ohr: „Du bist ganz genau wie Papa! Du siehst im so ähnlich!“ Auch die Großeltern stimmten mit ein: „Ganz der Papa!“, versicherten sie, um den Verlust ihres Sohnes zu kompensieren. Henri lebte also irgendwie weiter. Ein tröstlicher Gedanke!

Mit 19 Jahren beginnt Paul, sich schnelle Autos zu kaufen/ zu leihen. Mit scheinbarem Vergnügen rast er bar jeden Risikobewusstseins über die Landstraßen, bis er mit 22 einen schweren Unfall hat, der ihn fast das Leben kostet. Bei einer Therapie drei Jahre später findet er heraus: Er hätte durch die ungesunde Verstrickung mit der Mutter fast – als Stellvertreter für den Vater – den Tod reinszeniert. Immerhin soll er doch Papas Rolle an Mamas Seite einnehmen? Bewusst war ihm das nicht. Aber seit der Therapie ist auch in seine tiefsten Seelenschichten vorgedrungen: Ich bin NICHT mein Papa. Ich bin Paul. Und ich darf leben. ♥

Ich könnte noch 50 Beispiele ergänzen: zu Essgewohnheiten, Krankheiten, Fremdenhass, whatever.

Einfach aufhören mit den destruktiven Mustern?

Leute dafür zu kritisieren, dass sie sich nicht von destruktivem Verhalten lösen (z.B. Alkohol)? Oder so „blöd“ sind, sich immer wieder diesen gewaltbereiten Typ Partner zu suchen? Oder sich doch eben EINFACH mal besser zu konzentrieren? Das bringt nichts außer schlechter Energie. Denn frühes Trauma (über das du hier einen Artikel lesen kannst) ZWINGT einen quasi dazu, sich in die Reinszenierung zu begeben, wenn wir es nicht aufarbeiten. Es gibt bei uns ein Sprichwort: Gelernt ist gelernt. Und da geht’s nur mit Hilfe raus.

Affirmationen – Hilfe oder mehr Schein als Sein?

Positive Affirmationen richten sich gezielt gegen negative Glaubenssätze. In akuten Stresssituationen können sie beruhigend wirken. Wenn du herausgefunden hast, dass sein inneres Gesetz besagt: ICH GENÜGE NICHT/ ICH MUSS GEFALLEN, SONST LIEBT MICH KEINER, dann kannst du gezielt Mantras erstellen, die dich stärken: Ich genüge. Ich bin bedingungslos liebenswert.

ABER. Das Problem mit Affirmationen ist, dass sie allein nie die grundlegende Struktur der Psyche umbauen können. Wenn das ginge, hätte ja niemand mehr Therapie nötig – dann wären alle heil und glücklich. So easy ist das aber leider nicht. (Mit Positivsprech, Affirmationen und Co lässt sich nur wirklich viel Geld machen…) Was langfristig und tiefgreifend wirkt: die z.T. schmerzhafte Aufarbeitung der seelischen Wunde.

Die frühen Einsamkeits- und Leeregefühle müssen sonst bis ins Erwachsenenalter permanent überwunden werden – koste es, was es wolle. Dazu benutzen wir unbewusst gewählte Bewältigungsstrategien. Lies mehr darüber in Psychologisches Basiswissen für Eltern – wie Trauma, Trigger und Überlebensstrategien zusammenhängen.

Die Untergrundbewegung

Bildlich kann man sagen: Es findet eine Art Untergrundbewegung [Glasser 1992] in uns statt: An präverbale (also vorgeburtliche und vorsprachliche) Erfahrungen (bis ca. 3 Jahre) können wir uns kognitiv nicht erinnern. Warum? Unser bewusstes Gedächtnis speichert Erlebnisse über sprachliche, also symbolische Informationen ab. Vorsprachliche Erinnerungen stecken im Körpergedächtnis bzw. im Unterbewusstsein. Die frühen Erfahrungen sind also NICHT WEG, im Gegenteil. Sie haben den größten denkbaren Einfluss auf unser weiteres Leben: Sie entwickeln ein „unterirdisches Eigenleben“ und steuern uns:

  • Z.B. Ungewolltsein,
  • schlechte/ fehlende Bindungsbeziehung,
  • pränataler Kontakt zu Suchtmitteln,
  • Gewalt,
  • Verwahrlosung,
  • alle Formen körperlichen und seelischen Missbrauchs etc.

All diese Erfahrungen meißeln unbewusste innere Gesetze in unser Innerstes ein, nach denen wir unser Leben gestalten.

(Vor dem Hintergrund wird vielleicht klarer, warum uns Affirmationen i.d.R. nicht heilen, sondern nur kurzfristig stabilisieren können: Sie versuchen mit SPRACHE, also kognitiven Symbolen, etwas anzupacken, das aber KÖRPERLICH bzw. unterbewusst-EMOTIONAL gespeichert ist.)

Positive News

Umgekehrt gilt das Prinzip natürlich genauso! Wer von Herzen gewollt ist? Eine stabile Beziehung zu Mama und Papa hat? Genügend Blick- und Körperkontakt erhält? Wertschätzendes Feedback geschenkt bekommt? Und sich insgesamt sicher und mit all seinen Gefühlen angenommen fühlt? Derjenige wird ein Gefühl von Vertrauen und Sicherheit immer in sich tragen. Und ein inneres Gesetz wird das gesamte restliche Leben positiv beeinflussen: Ich bin gut. Ich bin willkommen. Die Welt ist sicher für mich.

In diesem Sinne: Ich wünsche dir die volle Packung positiver Beziehungserfahrungen!

Alles Liebe

Anne

PS: Hast du dich wiedererkannt und fragst dich was nun? Am Ende des Artikels zu Bindungs-/ Entwicklungstrauma gibt’s Empfehlungen dazu, wie du da raus kommst. Und ab kommendem Jahr werde ich selbst Psychologische Beratung und Identitätsorientierte Psychotraumatherapie anbieten. Trag dich weiter unten gerne in den Newsletter ein, um auf dem Laufenden zu bleiben.

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Comments (2)

  • Ich finde die Beispiele anschaulich und passend. Jedoch auch etwas aus dem Kontext gerissen. Meiner Meinung nach und auch dessen was ich gelernt habe gehört (immer) mehr dazu. Es geht auch darum in welchem Milieu wachse ich auf. Wie beeinflusst mich meine erweiterte Familie und (Wichtig!) mein Freundeskreis usw. etc. pp.
    Was ich damit sagen möchte, dass es sehr viele Faktoren gibt, welchen einem negativ aber auch entsprechend positiv beeinflussen können.
    Was ich glaube noch wichtig ist, dass wenn man das Gefühl hat damit nicht zurecht zu kommen, sollte man auf jeden Fall professionelle Hilfe holen.

    Vielen Dank für den Beitrag welcher sicher zur Enttabuisierung beiträgt!

    • Hallo Max,
      danke für deinen wertschätzenden Kommentar und deine Sicht der Dinge! Ich bin ganz bei dir, im Zweifel ist professionelle Hilfe das allerwichtigste.

      Ich vermute, du meinst mit „aus dem Kontext gerissen“ vorranging das Beispiel mit Paul? Klar beeinflussen uns in puncto Risiken sehr starkt Freunde. Aber genau das ist der Punkt: Aus welchem unbewussten Grund ziehen wir exakt diese Freunde an, die unsere internalisierten Muster bestätigen? In der Traumaarbeit kam mir noch nie ein Fall unter, in dem ein 16-Jähriger Kumpel die Ursache für einen ungelösten inneren Konflikt war. Den Einfluss, dem wir nach dem 3. Lebensjahr ausgesetzt sind, der geht natürlich nicht spurlos an uns vorbei, da gebe ich dir Recht. Aber alles, was, sagen wir, nach dem 10. Lebensjahr passiert, ist nicht mehr prägend in einem Maße, dass wir von „Reinszenierung“ sprechen können. Das FRÜHE Trauma ist dasjenige, was uns prägt, was unterbewusste Glaubenssätze entstehen lässt. Und alle Erfahrungen, die nachher kommen, machen das nicht wett, wenn es nicht zu einer Traumaintegration kommt.

      Angenommen du warst nicht gewollt, und deine erste Information, die du im Mutterleib bekommst ist: NEIN, dann kann dir später deine Mama tausendfach beteuern, wie lieb sie dich hat und wie willkommen du bist – aber irgendein Symptom wird später anklopfen und auf dieses frühe Thema aufmerksam machen wollen.

      Beispiel Sucht: Ob jemand Heroin nimmt oder als Mediziner später zum Worcaholic wird, hängt sicher auch ab von erweiterter Familie, Freundeskreis, späteren Erfahrungen, ja. Aber dass jemand süchtig ist – das hat seinen Ursprung in einer frühen traumatischen Erfahrung: Du versuchst deine innere Leere, zu wenig emotionale Zuwendung, das Nicht-gesehen-werden, Nicht-gewollt-gewesen-sein, mit irgendeinem Mittel zu kompensieren. Dazu gibt es einen großartigen Film: The Wisdom of Trauma.

      Der Argumentation „Es kommt ja nicht alles von den Eltern und den frühen Erfahrungen“ möchte ich ausdrücklich widersprechen. Für meine Begriffe ist sie Teil unserer gesellschaftlichen Idealisierung von Eltern und stark mit einem Konzept von „Wer hat Schuld? Wer hat versagt?“ verbunden, das in der Traumatheorie absolut keinen Platz hat, wie ich in diesem Artikel schon beschrieben habe: Nur wer früher Opfer war, kann später Täter werden.

      Wenn du noch Anregungen, Kritik oder Fragen hast, gerne her damit.
      Viele Grüße
      Anne

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Ich bin Anne, leidenschaftliche Onlinejournalistin und immerfort lernende Mutter zweier Kleinkinder. Süchtig nach anspruchsvollen Büchern und mit einer Schwäche für ausgezeichneten Schwarztee. Auf meinem Blog WELTFREMD setze ich mich für mehr Mütterlichkeit und eine wärmere Gesellschaft ein. ♥

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