Uns hat es ja auch nicht geschadet

Einmal Zynismus bitte: Meine Antwort auf „Sei schön brav!“ und „Mir hat es ja auch nicht geschadet“

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

Kennst du bestimmt: Ab und an schlagen einem so Sätze um die Ohren, die man in seiner bewussten Elternschaft, auf seinem Selbstfindungsweg oder seiner perönlichen Heilungsreise nicht mehr hören kann. Die ersten drei Jahre vergessen die Kinder eh! Du muss halt nur Grenzen setzen! Schreien lassen hat meinen Kindern auch nicht geschadet! Immer schön brav sein! Daraus könnte ich jetzt ein schönes Bullshit-Bingo erstellen, aber heute gönne ich mir direkt ne kleine Pöbelei:

„Mir hat es doch auch nicht geschadet!“

Dir hat es nicht geschadet? Ernsthaft? Jo, Bro: Du rauchst, trinkst jedes Wochenende, shoppst andauernd, definierst dich über Leistung, hast Migräne und Magenschmerzen. Du bist komplett konfliktunfähig und schuftest gemobbt vom Chef in einem Kackjob. Emotionalem Zuckerschlecken verdankst du 20 Kilo too much, Kleinigkeiten bringen dich auf 180 und du projizierst deinen inneren Hass auf Ausländer und gehst teilnahmslos an einem Bewusstlosen im Bahnhof vorbei. Für ein gestelltes Urlaubsfoto brauchst du 26.432 Likes und kaust, während das digitale Endgerät pausenlos surrt, nervös die Fingernägel ab.

Ach sorry, da war noch nichts dabei?

Dann vielleicht eher so:

Du brauchst 1/2 kg Schminke und 300g Haarspray, um dich wertvoll zu fühlen, bist dauerhaft angespannt und machst dir ständig über irgendwas Sorgen. Um dich selbst besser zu fühlen, lästerst du regelmäßig über andere. Nie hast du Zeit, bist immer im Stress, der ganze Körper unter Strom. An all deinem Unglück sind immer nur die anderen Schuld – in der Opferrolle fühlst du dich wohl! Aber wenn das Selfie nicht gelingt, geht die Stimmung in den Keller. Wiederkehrende Konflikte mit den gleichen Leuten belasten dich und führen zu nichts – irgendwie ziehst du IMMER WIEDER diese toxischen Partnerschaften an. Du schläfst unruhig, bist dauernd und erschöpft und still sitzen geht überhaupt nicht.

Ganz zu schweigen von all deinen körperlichen Wehwehchen und Stellvertretersymptomen, für die kein Arzt eine Ursache findet.

Nö, du hast kein Problem…

Schon klar. Du hast kein Problem. Kognitive Dissonanz ist dein Freund. Den will ich dir nicht nehmen. Und mit Argumenten hab ich eh keine Chance. Da müssten ja schließlich ALLE eine Macke haben!? – Ja, meine Güte, haben sie ja auch! Hast du dir die Gesellschaft mal angeschaut? Eine Kehrtwende ist dringend nötig!

Einmal zum Mitmeißeln: „Uns hat es auch nicht geschadet“ ist ein Widerspruch in sich – die verkrüppelte Empathie sich selbst und dem Kind gegenüber offenbart sich himmelschreiend. Ergo: Die kann nur von jemandem kommen, dem sehr wohl so einiges geschadet hat. (Sachliche und garantiert Zynismus befreite Infos darüber, findest du in meinem Artikel über das Entwicklungstrauma.)

Aber auch diese Empathielosigkeit, das Verharmlosen der eigenen suboptimalen Erfahrung hat einen Grund. Sie ist nämlich eine clevere Selbstschutzstrategie. Mit einem „Ach, sooo schlimm war das ja gar nicht!“ kommen wir – erst mal – mit den unglücklichen Bedingungen in unserer Ursprungsfamilie klar. Lies mehr über diesen Mechanismus in Psychologisches Basiswissen: Wie Trigger, Trauma und Überlebensstrategien zusammenhängen.

Zusammenfassend kann man sagen: Die Jungs und Mädels, denen “es ja auch nicht geschadet hat“, haben gleich drei Probleme:

1. Müssten sie den eigenen verdrängten und abgespaltenen Schmerz zulassen.

2. Müssten sie die idealisierten Eltern von ihrem imaginären Sockel stoßen und

3. würden sie plötzlich siedend heiß Schuldgefühle ihren eigenen Kindern gegenüber fühlen.

Das ist vielen Menschen unmöglich. Und das verstehe ich. Ehrlich!

Deshalb diskutier ich nicht mehr. Jedem seine Überlebensstrategie. Ich hab meine eigenen.*

*Ständig „im Kopf sein“ zum Beispiel. Dazu gibt’s hier einen Artikel: Mama, denkst du zu viel nach?

Sei schön brav!

Aber ernsthaft: Nehmen wir alleine mal dieses allseits gepriesene „brave Kind“.

Sagen die Leute, jemand sei ein „gutes, braves Kind“, dann meinen sie in Wirklichkeit nicht, dass ein Kind seiner Natur entsprechend entdeckt, erprobt, experimentiert, flitzt, singt, quietscht, rennt oder beim Raufen 1000 wichtige Kompetenzen selbstständig erlernt. Die Leute meinen damit nicht, dass diese göttlichen kleinen Wesen von Beginn an alles in sich tragen, was sie sozial, friedlich, zielstrebig, ehrgeizig, ausgeglichen, kooperativ und erfolgreich macht.

Nein. Die Leute bezeichnen als brav, artig und gut jene Kinder, die ihre Bedürfnisse unterdrücken, ihre Gefühle verstecken, sich anpassen und aus Angst vor Strafe, Ablehnung und Ausgeschlossensein innerlich gegen ihre Natur ankämpfen.

Solche Kinder sind praktische kleine Haustiere. Schön dressiert. Sauber. Ziehen an, was den Eltern stilistisch gefällt, wissen genau, was die Stimmung der Mama aufhellt und was den Wutausbruch von Papa verhindert. Sie wissen zwar nicht, wer SIE sind und was SIE eigentlich wollen, wo IHRE Grenzen liegen. Aber nun denn.

Ein Dreamteam: Bravsein, Depression und Kapitalismus

Als Belohnung lässt sich auch im Erwachsenenalter noch das ein oder andere Gummibärchen finden, das das innere Loch füllen soll: Zigaretten, Shopping, Beziehungen, Zucker, Follower, Likes, mediale Dauerbeschallung. Da hat unser kapitalistisches System mit seinem Hyperkonsum für jeden was zu bieten.

Ist ja auch irgendwie praktisch:

Je weniger Seelenreichtum die Menschen im Inneren tragen, umso mehr muss konsumiert werden.

Und da diese Sucht nirgendwo hinführt, sich das Loch einfach verdammt noch mal nicht stopfen lässt, so sehr man sich auch anstrengt? Umso mehr digitale Endgeräte surren. Umso mehr klingeln die Kassen der Konzernchefs dieser Welt. Und umso mehr Perversion und Gewalt fließen durchs Darknet und die Kinderzimmer.

Wer braucht schon Herz und Hirn?

Depression ist die Belohnung fürs Bravsein, hab ich mal irgendwo gelesen.

Ich will nicht brav sein. Und ich will ums Verrecken nicht, dass meine Kinder brav sind. Auch ohne brav sein, sind sie durch und durch GUT. Punkt.

Und versteh mich nicht falsch:

  • Damit meine ich natürlich nicht, dass es auch von Natur aus ruhige, pflegeleichte Kinder gibt.
  • Oder dass jede Familie ihre Regeln hat und bestimmte Grenzen zur Sicherheit einfach Pflicht sind.
  • Oder dass (ich nenn’s jetzt mal) „human-lockere“ Eltern ihr Kind als pflegeleicht und witzig betiteln, während „konventionell-strenge“ Eltern selbiges Kind als nicht zu bändigenden Rotzlöffel einschätzen würden.

Ich meine stattdessen dieses gesellschaftliche Konstrukt, das von uns von klein auf fordert, dass wir angepasst sind, unsere Gefühle unterdrücken, dass wir widerspruchslos gehorchen. Es ist ein Unterschied, ob Kinder aus bedingungsloser Liebe und Urvertrauen heraus kooperieren ODER ob sie mithilfe von Angst dressiert werden und nicht mehr sie selbst sind. Darüber habe ich meine Gedanken schon im Artikel über die psychischen Folgen von Gehorsam geteilt.

  • Weine ich aufgrund meiner Not, werde ich als trotzig dargestellt und ins Kinderzimmer gesperrt? Damit mich die Mama lieb hat, unterdrücke ich mein Gefühl. Ich will schließlich nicht isoliert werden.
  • Bestehe ich auf mein Nein, ignoriert der Papa mich? Dann muss ich wohl anders sein, als ich wirklich bin, damit ich gesehen werde!

Wie du dein Kleinkind trotzdem dazu bringst, sich angemessen zu verhalten? Lass dich in Machtkampf oder Kommunikation inspirieren.

Diese eine Sache will wohl nicht verstanden werden…

„Das Bewusstsein der Öffentlichkeit ist noch weit von der Erkenntnis entfernt, dass das, was dem Kind in den ersten Lebensjahren angetan wird, unweigerlich auf die gesamte Gesellschaft zurückschlägt, dass Psychosen, Drogensucht und Kriminalität ein verschlüsselter Ausdruck der frühesten Erfahrungen sind.“

Alice Miller

Ich raff’s nicht. Ernsthaft. Ich verstehe nicht, wieso diese millionenfach belegte These noch angezweifelt wird und warum Politik und Gesellschaft irgendwie keine Lust oder keine Ahnung haben, entsprechend zu handeln?

Als mein Baby eine traumatische Erfahrung in einer Kinderklinik macht, sagt mir eine Schwester allen Ernstes: „Das ist in zwei Tagen wieder vergessen!“ What?

Oder als ich mit einer Bekannten darüber rede, wie schlimm ich fände, wenn mein Kleinkind erniedrigt oder vernachlässigt würde, schmettert sie mir entgegen: „Die Kinder vergessen doch sowieso alles aus den ersten drei Lebensjahren.“

Ohne Mist: Ich hab die Megamimik, aber SO entrüstet kann ich gar nicht schauen, wie ich eigentlich erbrechen will.

Fakt: Von der Zeugung bis zum dritten Geburtstag wächst die Basis für das gesamte restliche Leben. Glaubenssätze, das Selbstwertgefühl, der Bindungsstil, selbst die Ernährungsprägung – sie formen sich in der frühesten Zeit des Lebens. Und sie beeinflussen auf direkte und indirekte Weise ALLE Lebensbereiche. Punkt.*

*Ich verzichte jetzt darauf, die 20 Millionen Quellen aus der aktuellen Entwicklungspsychologie, Traumaforschung, Neurobiologie etc. anzuführen, weil ich hier gerade keine Lust auf Faktentennis, sondern nur auf Pöbeln habe. 😉 In Reinszenierung früher Erfahrungen kannst du aber ein bisschen weiterlesen.

Komplizierte Zusammenhänge?

Frage: Wie sind Menschen aufgewachsen, denen ihr Mitgefühl komplett abhandengekommen ist? Die betrügen, schlagen, manipulieren, über Leichen gehen? Oder … die Waffen in Krisengebiete schicken und dann zuschauen, wie Leute im Mittelmeer ertrinken, wie Flüchtlingsheime brennen oder wie jemenitische Kinder verrecken? – All das ohne mit der Wimper zu zucken?

Der Zusammenhang ist dermaßen billig! Der ist nicht komplex, nicht „nur von Experten zu verstehen“. Es ist kikileicht: Ein Mensch, der mit bedingungsloser Liebe aufwächst, der geborgen und willkommen ist von Anfang an, der ohne Manipulation und (emotionale) Gewalt Kind sein darf – der fühlt sich, ist bei sich, ist sozial, empathisch und zufrieden. Der führt keinen Krieg, terrorisiert niemanden, tut (seinen eigenen) Kindern nicht weh.

Hier meine weltfremde Idee: Fangen wir doch bitte ganz am Anfang an! Bringen wir uns selbst in Ordnung, indem wir alte Wunden heilen/ integrieren/ therapieren – whatever. Und sorgen wir dann dafür, dass unsere Kinder heil bleiben.

If you only heal yourself, you heal the world.

Keinen Schimmer, wo ich das gelesen habe. Dachte nur, ihr könnt’s vielleicht gebrauchen.

Ahoi

Anne

PS: Hat dieser Beitrag dich berührt? Dann schick ihn gerne weiter, damit das gesellschaftliche Bewusstsein mal einen positiven Powerkick in den Allerwertesten bekommt.

Hier weiterlesen:

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

Comments (2)

  • Liebe Anne,
    Ich danke Dir von Herzen für diese direkten Worte – die ich selbst so (oder so ähnlich) schon oft gedacht, aber noch nie direkt gesagt habe! Oft fällt mir erst im Nachhinein auf, was für einen B*llshit ich da kommentiert bekommen habe;
    Ich finde es extrem schwer, für meine Kinder in allen Bereichen einzustehen, auch ZU meinen Kids zu stehen, wenn sie mal wieder als „trotzig“ bezeichnet werden, etc. pp. …
    Aber: ich bin gewillt, dies zu lernen!
    Danke & herzliche Grüße
    Melanie

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Ich bin Anne, leidenschaftliche Onlinejournalistin und immerfort lernende Mutter zweier Kleinkinder. Süchtig nach anspruchsvollen Büchern und mit einer Schwäche für ausgezeichneten Schwarztee. Auf meinem Blog WELTFREMD setze ich mich für mehr Mütterlichkeit und eine wärmere Gesellschaft ein. ♥

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