Mamawut

Wut und Aggression in der Familie: Warum werden wir so unfassbar wütend?

Ich lade dich herzlich ein, diese Gedanken zu teilen.

Hand aufs Herz: Bist du authentisch? Oder flötest du auch noch geduldig und mit sanfter Stimme die gewaltfreie Kommunikation, wenn du eigentlich schon kurz vorm Platzen bist? Spielst du ständig die perfekte Elternrolle oder bist du du selbst vor deinen Kindern?

Nicht falsch verstehen: Ich bin natürlich sehr dagegen, Kinder anzuschreien. Aber das tun wir i. d. R. auch nur dann, wenn wir massivem inneren Stress ausgesetzt sind. Wir brüllen dann im Grunde jemanden aus der Vergangenheit an, weil das kindliche Verhalten einen wunden Punkt getroffen hat. Aber so ist es: Dein Kind trifft bei dir mitten ins Schwarze. Hab ich Recht?

Unterdrückte Wut

Und weißt du, warum ich denke, dass auch in dir viel unterdrückte Wut steckt?

Meine mit Abstand erfolgreichsten Beiträge sind die wütenden. Wenn ich voller Frust mit maximaler Ausfälligkeit so richtig Dampf ablasse. Diese Texte liebt die digitale Welt. Mit denen identifizieren sich unglaublich viele.

Ich schlussfolgere: Wut ist reichlich da. Sie schwelt. Die vielen verdammten Frustrationen im Alltag – sie triggern etwas.

Sie ist da irgendwo. Meist gut versteckt unter Anstand, Liebsein, Angepassheit, Freundlichtun. Tief drunter ist eine jämmerlich alte, richtig fiese Wut versteckt. Eine Wut aus deiner Kindheit. Die du nicht zeigen durftest. Die den guten Manieren zum Opfer gefallen ist. Die bei vielen heute zu Ausländerhass, Unterdrückung oder Gewalt führt. Die Wut von heute sitzt natürlich nicht an der richtigen Stelle. Sie ist nur Symptom. Aber wofür?

Was ist Wut?

Wut ist ein Gefühl. Es ist weder schlecht, noch gut. Weder lieb, noch böse. Weder unartig, noch brav. Es ist. Es ist gesunder Bestandteil eines jeden Menschen. Werden wir abgelehnt, verletzt, beleidigt oder greift man uns an, reagieren wir – ganz angemessen – mit Wut.

Wenn beispielsweise ein Baby oder Kleinkind in einer Situation feststeckt, die es demütigt, verletzt und überfordert, nützt ihm Wut rein gar nichts. Es ist maximal abhängig von seinen Bezugspersonen. Es idealisiert sie und kann sich psychologisch nicht leisten, an ihnen etwas auszusetzen. Wird es also ängstlich alleine gelassen, bestraft oder mit emotionaler Gewalt gefügig gemacht, liebt es nicht seine Bezugspersonen weniger. Sondern es liebt sich selbst weniger. Und das eigentlich angemessene Gefühl – der Schmerz und die Wut auf die Eltern, Erzieherinnen, Tanten, Onkel, Großeltern etc. – wird abgespalten. Entwicklungstrauma findet statt.

Mücke und Elefant

Abgespalten heißt nun aber leider nicht, dass die Wut, das Ohnmachtsgefühl, der Schmerz weg sind. Sie häufen sich stattdessen mit der Zeit als Gefühlsstau an. Dumme Sache. Denn der Gefühlsstau im Untergrund bestimmt nun von da an das gesamte restliche Leben. Immer wenn dem betreffenden Menschen ein Trigger [verknüpfender Reiz] über den Weg läuft, reagiert er unangemessen: also mit viel mehr schmerzhaften Gefühlen oder einer größeren Wut, als in der Situation angemessen gewesen wären.

Gegenüber Stärkeren getrauen wir uns nicht diese Wut zu äußern. Personen, die wir als schwächer erleben, sind jedoch in großer Gefahr, dass wir unsere angestautes Wutpotential an ihnen abreagieren. Das machen schon kleine Kinder so, sie leben die Wut auf ihre Eltern gegenüber anderen Kindern und Geschwistern aus. (Elena Pfarr, Instagram-Beitrag vom 20.10.2020)

Beispiel:

Eine Mutter bunkert im Unterbewusstsein frühere Ohnmachtsgefühle und abgespaltene Wut. Ihr Kind soll sich nun zum Rausgehen fertig machen und anziehen. Stattdessen? Ungehorsam. Weder auf Spielchen, noch auf geduldige Tricks oder gar auf Drohungen reagiert es. Dass sie sich nun machtlos und wütend fühlt, ist normal. Aber was passiert? Das kindliche Verhalten fungiert als Reiz, der die Mutter unbewusst an eigene schmerzhafte Situationen als Kleinkind erinnert, und sie flippt nach der fünften Aufforderung völlig aus: Sie schreit das Kind an, bis es in Tränen ausbricht.

Wut ist nicht gleich Wut

Du merkst: Es gibt einen großen Unterschied zwischen gesunder Wut und Traumawut. Und es gibt einen Unterschied zwischen authentischem Feedback dem Kind gegenüber und ungebremster Explosion, die als emotionale Gewalt gelten darf. Die Frage ist hier immer: Reagiere ich angemessen?

Auch unabhängig vom Entwicklungstrauma gibt es einen Faktor, der Wut und Aggression unverhältnismäßig anschwellen lässt: Stress. Da hilft vielleicht der Gedanke: Hätte ich auch so reagiert, wenn ich gerade im Urlaub wäre und genug Unterstützung, Ruhe und Schlaf gehabt hätte?

(Wobei ein Entwicklungstrauma natürlich exakt das verursacht: dauerhaften Stress im Organismus. Das kannst du hier nachlesen: Erziehung und Trauma.) Stress blockiert unsere Empathie, unsere Nachsicht und unsere Geduld. Wenn du Inspirationen suchst, wie du deinen Alltag entschleunigen und Stress reduzieren kannst, hab ich hier was Schönes: Artgerechtes Familienleben – weniger Stress im Alltag.

Kinder schützen

Willst du deine Kinder vor unangemessenen Gefühlsexplosionen schützen? Da lohnt der Blick in die eigenen seelischen Untiefen. Oder anders gesagt: Der (alten) Wut angemessen Raum zu geben, ist eine vortreffliche Psychohygienemaßnahme.

Depression ist nichts als eingefrorene Wut“, hab ich mal einen Psychotherapeuten sagen hören. Die These ist natürlich zugespitzt. Sicherlich sind die Ursachen von Psychosen und Neurosen komplex. Aber der Kern der Sache ist in vielen Fällen eben genau der: die Frage nach dem Umgang mit unseren kindlichen Gefühlen damals.

Hier geht es absolut nicht darum, Betroffenen von Depressionen und deren Eltern eine „Schuld“ aufzudrücken oder die Krankheit zu verharmlosen. Es geht stattdessen darum, sich zu fragen: Wie kann es dazu kommen, dass Erwachsene mit der Regulation ihrer Gefühle Probleme bekommen? Warum ist ihre Wahrnehmung gestört? Warum können sie nicht glücklich sein?

Und im Umkehrschluss für unsere Kinder zu konstatieren: Gefühle sind willkommen. Und zwar alle. Lies mehr zur Begleitung von Gefühlsstürmen mit Tipps von Philippa Perry in: Weinen, Schreien, Wüten – vom Umgang mit großen Gefühlen bei Kindern.

Schmerz kann sich als Wut tarnen

Und es gibt auch eine „falsche“ Wut, eine unechte Aggression. Vielleicht kennst du auch die? Wenn dich das Weinen, Jammern, Nörgeln, Quietschen deines Kindes unverhältnismäßig reizt, triggert es möglicherweise dein eigenes kindliches Schreien, das damals womöglich ignoriert wurde. Das Weinen deines Kindes erinnert dich an abgespaltene Gefühle wie große Angst, tiefe Verzweiflung oder schwere Traurigkeit. Wenn deine Psyche nun blitzschnell entscheidet: „Sorry, no! Diese Gefühle sind unerträglich, die kann ich nicht fühlen!“ Dann wandelt es die Emotionen in Wut und Aggression um, und wendet gleich noch einen cleveren Trick an: Sie projiziert diese Emotion auf andere. Auf dein Kind zum Beispiel. Das ist für dein Kind furchtbar, aber deine Psyche nutzt es als in der Situation einzig tragbare Überlebensstrategie.

Was passiert dann? Wir werden ungerecht und greifen auf alte Erziehungsmuster zurück. Bei seelischer Überforderung läuft manchmal blitzschnell eine Kurzschlussreaktion ab. Wir drohen, schreien, beschämen. So wie wir es von früher kennen.

Aber hilft das?

Nein, weder dir noch deinem Kind.

Wenn wir es schaffen, unser Erziehungstrauma zu integrieren und zu verarbeiten, können wir auf Trigger ohne verstaubte Erziehungsgewalt reagieren. Und dann helfen wir dabei mit, ein kollektives Trauma aufzulösen. Mehr dazu gibt’s hier: Hitler im Herzen: Erziehung und Trauma.

Auch Kinder wüten manchmal „unangemessen“

Hast du das Gefühl, dein Kind wütet immer wieder in den gleichen Situationen? Oder hat es auch nach dem Kleinkindalter noch regelmäßig heftige Ausraster? Oder flippt es deutlich stärker und häufiger aus als Gleichaltrige? Dann ist es vielleicht gar nicht dein Kind, das so eine große Wut hat. Vielleicht spiegelt dein Kind deine unterdrückte Wut oder deinen versteckten Schmerz.

Sag doch mal: Wie sieht es bei dir aus? Bist du immer friedvoll, geduldig, lieb?

Meinst du vielleicht, dich beherrschen zu müssen, wenn dir jemand dumm kommt? Was befürchtest du, das passiert, wenn du deinen Gefühlen Raum geben würdest? Worauf bist du wirklich wütend? Gibt es Anteile an deiner Persönlichkeit, die du ablehnst? Die du an dir zu verstecken versuchst?

Kinder sind unsere Spiegel: Sie führen uns vor Augen, wo es in unserem Inneren klemmt. Viele scheinbar superordentliche Mütter haben unfassbar chaotische Kinder. Wie kann das sein?

Dem Kind bleibt als kooperierendes Wesen im familiären Abhängigkeitsverhältnis nichts anderes übrig, als den Widerpart zu übernehmen: Es zeigt auf, was die Eltern unterdrücken. In ihrem Herzen herrscht womöglich nicht so viel Ordnung wie im Badezimmer, und unzählige ungelöste Konflikte schwelen im Unterbewusstsein.

Interessiert dich das Thema Spiegeln? Von Robert Betz gibt es dazu ein amüsantes und höchst informatives Video hier.

Mama und Papa sind wütend
Wut ist nicht gleich Wut – von gesunder Wut und Traumawut

Wut im Wochenbett

Die meisten Menschen kommen nie wirklich in Kontakt mit ihrer tiefen, animalischen Urwut, bevor sie ihren eigenen Kindern begegnen. Dann, im Wochenbett, erschrecken sie zum Teil vor sich selbst. (Lies mehr darüber in: Tränen, Chaos, neue Welt – das Wochenbett.)

Kennst du das vielleicht? Im Wochenbett, weißt du noch? Als du müder als müde warst. Erschöpft von den Sorgen, inmitten des Chaos‘ und bis zum Hals drin in der neuen bleischweren Verantwortung für dieses kleine Menschlein? Vielleicht hattest du Momente, in denen du nicht mehr klar denken konntest. In denen du zum ersten Mal im Leben eine ansatzweise Vorstellung davon hattest, wie es möglich sein kann, dass Eltern ihre Babys schütteln oder schlimmeres? Ich hab mich und meine Wut so bis dato nicht gekannt. Vielleicht erging es dir ähnlich? Bitte verurteile dich dafür nicht, bitte fühle dich nicht als schlechte Mutter oder als schlechter Vater. Muten wir uns lieber zu, sie zu fühlen und wahrzunehmen: Diese Wut ist in mir. Aber sie gehört nicht zu meinem Kind!

Wenn du spürst, du kannst nicht mehr, egal in welcher Situation, wenn du eine Wut und Aggression wahrnimmst, die dich zu überrollen drohen, gehe weg von deinem Baby/ Kind! Lass es in einer sicheren Umgebung (z.B. Gitterbett), sag es ihm in kurzen Worten … und dann geh! Geh in einen anderen Raum! Gib deiner Wut Raum. Denn deine Wut gehört zu dir und nicht zu deinem Kind. (Franziska Ebner-Ptok, Instagram-Beitrag vom 21.10.2020)

Reflexion als wichtigster Schritt

Diese Bewusstwerdung ist wirklich ein Geschenk! Sei stolz auf dich, wenn du die Aggression rechtzeitig erkennst und aus der Situation gehst oder Hilfe holst. Geißle dich nicht mit Vorwürfen.

Und was, wenn du doch laut geworden bist? Auch dann: Schuldgefühle sind letztlich nichts als Autoaggression. Sei auch dir selbst gegenüber nachsichtig und liebevoll. Sag deinem Baby oder Kind ehrlich, dass es dir leidtut. Ihr beide dürft Fehler machen – dein Kind und du. Perfektionismus ade!

Noch mal:

Gefühle verschwinden nicht, wenn wir sie unterdrücken oder uns von ihnen ablenken. Sie werden zu Kopfschmerzen. Zu Burnout. Zu Zickenkriegen. Zu drei Gläsern Wein am Abend. Zu Haarausfall. Zu Depression. Oder: zu emotionaler oder körperlicher Gewalt an unseren Kindern.

Dann vielleicht doch lieber den Gefühlsstau lösen? Der alten Wut, dem frühen Schmerz endlich Raum geben? Das kann auf so viele verschiedene Weise passieren:

  • Manchen hilft die richtige Lektüre (vielleicht ist in meiner Empfehlungsliste etwas für dich dabei).
  • Manchen hilft das Bewusstwerden der Probleme und mit einer Vertrauensperson darüber offen zu sprechen.
  • Andere benötigen professionelle Begleitung, um den Gefühlsstau aufzudecken, die Gefühle anzuerkennen, sie innerlich an die richtige Adresse zu richten und konstruktiv zu integrieren.

Ich wünsche dir auf deinem Weg alles Liebe.

Anne

PS: Leite den Artikel gerne weiter, um die Welt ein kleines bisschen authentischer und gefühlvoller zu machen. ♥ Und schreib mir doch in die Kommentare: Was ist deine Strategie, um Wut zu regulieren? Gelingt es dir, nachsichtig mit dir selbst zu sein, und Gefühlen einen angemessenen Raum zu geben, ohne dein Kind zu verletzen? Was sind deine Erfahrungen? Wie sieht dein Weg aus?

PPS: Folge mir gerne auf Instagram @weltfremd_mamablog und finde unter dem Hashtag #wutwoche weitere Beiträge und Inspirationen zum Thema kindliche und elterliche Wut.

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Ich bin Anne, leidenschaftliche Onlinejournalistin und immerfort lernende Mutter zweier Kleinkinder. Süchtig nach anspruchsvollen Büchern und mit einer Schwäche für ausgezeichneten Schwarztee. Auf meinem Blog WELTFREMD setze ich mich für mehr Mütterlichkeit und eine wärmere Gesellschaft ein. ♥

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